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1. EINLEITUNG

1.1 Begründung des Themas

Theorie und Praxis der Medizin sind zu einem beträchtlichen Teil mittel- und unmittelbar abhängig von der jeweiligen allgemeinhistorischen Situation und nicht allein, wie seit dem 19.Jahrhundert immer wieder angenommen wird, vom Entwicklungsstand der "reinen" "ideologiefreien" Naturwissenschaften. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang in der Psychiatrie und in der Subspezialität Kinderpsychiatrie nicht minder. Das Kind ist das Projektionszentrum mannigfacher Hoffnungen und Ängste der Gesellschaft. Eine Beschäftigung mit der Geschichte der Kinderpsychiatrie verspricht daher nicht nur fachhistorisch, sondern auch allgemein- kulturhistorisch interessante Einblicke zu ermöglichen. Durch die Zusammenschau von medizinhistorischen Fakten und kulturhistorischem Kontext wiederum wird kritisches Denken über Entwicklungen in der gegenwärtigen Medizin und ihre außermedizinischen Bedingungen angeregt.

Unser spezielles Thema befaßt sich mit einem der ersten Vertreter der Forschungsrichtung "Kinderpsychiatrie" und seiner wissenschaftshistorischen Einodnung. Das Werk Theodor Ziehens weckt in mehrfacher Hinsicht unser Interesse: Er schrieb nach Emminghaus1 die zweite umfassende Darstellung der Geisteskrankheiten des Kindesalters in deutscher Sprache; als einer der bekannesten Psychiater seiner Zeit vertrat er ein psychiatrisches System, das damals als außergewöhnlich empfunden wurde;2 Basis und Hintergrund seiner Psychiatrie bilden zahlreiche psychologische und philosophische Schriften, in denen in meist sehr prägnanter Weise zu den wissenschaftlichen Zeitfragen Stellung genommen wird.

In der medizinhistorischen Forschung wurde Ziehen dennoch bisher wenig berücksichtigt. in den Arbeiten von Ackerknecht (1967), Alexander (1969), Bodamer (1948 u. 1953), Jaspers (1973), Leibbrand (1961) Schneck (1960) und Zilboorg (1941) wird Ziehen nicht oder nur kurz erwähnt. Einzig bei de Boor (1954) wird seine Arbeit etwas eingehender gewürdigt.3 Häufig findet man seinen Namen in psychologiehistorischen Abhandlungen, so z.B. bei Boring (1957), Brett (1962)4, Hehlmann (1963)5, Goffmann (1964)6, und bei


  1  vgl. hierzu Kindt (1971) und den Abschnitt 2.6.4.

  2  vgl. de Boor (1954), 43.

  3  de Boor (1954), 41 nennt Ziehens Psychiatrie "eine echte Systembildung mit allen Vorzügen und Mängeln".

  4  Es heißt dort über die Ziehensche Psychologie: "It is marked by directness of expression, firmess of opinion, and a broadminded disregard for consistency ... drastic in his analysis and his use of doubtful quantities like memory-cells ..." Teilweise handele es sich um "applied metaphysics." (Boring 1957, 657ff)

  5  Hehlmann (1963, 148)schreibt: "In Th. Ziehen ... erhebt sich die positivistische Doktrin noch einmal zu einem geschlossenen psychologischen System", und: "Th. Ziehen erhielt die Konzeption einer immanenten Vorstellungs- und Assoziationspsychologie mit am längsten aufrecht. Er hat auch heute noch verspätete Anhänger." (Ebd. 276) Der letzte Satz läßt sich am ehesten auf den Biologen B. Rensch beziehen. (vgl. Anmerkung 55)

  6  Groffmann (1964) gibt an, daß einige von Ziehen entwickelte Aufgaben noch heute bei Intelligenzprüfungen benutzt werden.

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Pongratz (1967). Die meiste Beachtung fand Ziehen in der philosophischen Fachwelt. In den meisten größeren nachschlagewerken wird Ziehen hier behandelt, am eingehendsten bei Überweg (1923) mit einem Artikel von über fünf Seiten.

Die marxistische Philosophie, zuvorderst Lenin, äußerte sich sehr kritisch.7 Die einzign längeren Arbeiten, die sich mit Ziehen befassen, betreffen seine Philosophie.8

Die bekanntesten Übersichtsartikel zur Geschichte der Kinderpsychiatrie von Kanner (1960), Harms (1962), Nissen (1965 und 1974) und Stutte (1957) äußern sich abwertend, nur beiläufig oder gar nicht über Ziehens Beitrag zu diesem Fach. Kanner erwähnt nur die 1926er Ausgabe des Lehrbuches und urteilt: "... (it) was a therapeutically sterile translation of adult psychiatrie into terms of how much of it one might find in children."9 Harms schreibt über "Theodor Ziehens kleines Buch 'Die Geisteskrankheiten des Kindesalters'": "Ein schlechteres Beispiel konnte Kanner sich nicht suchen, Ziehen ... hatte keine Berechtigung, seinem Buch diesen Titel zu geben. Es gibt nicht entfernt ein vollständiges Bild, nicht einmal der wesentlichen Geisteskrankheiten im Kindesalter."10 Bei Nissen und Stutte wird Ziehen nur kurz erwähnt.

Bei dieser offensichtlichen Diskrepant von Materialfülle und medizinhistorischer Würdigung erscheint eine nähere Betrachtung gerechtfertigt.


1.2 Kurze Übersicht über Leben und Werk Theodor Ziehens11

Theodor Ziehen wurde am 12. November 1862 in Frankfurt am Main geboren. Seine Eltern waren Emilie Ziehen und Eduard Ziehen, der als Schriftsteller und Privatgelehrter "schwer um das tägliche Brot kämpfen" mußte. Er besuchte eine dem Damaligen Tpy des Realgymnasiums entsprechende "Musterschule", dann ein humanistisches Gymnasium. Seit der Sekunda beschäftigte er sich mit Philosophie. "Schon damals stand es mir fest, daß die Philosophie mein letztes Lebensziel sei."12 Ostern 1881 bestand er das Abitur. Die Entscheidung zum Medizinstudium begründet Ziehen so: "Ich mußte Medizin studieren, um in den Genuß eines ausschließlich für Studenten der Medizin bestimmten Stipendiums der reformierten Gemeinde in Frankfurt a. Main zu kommen."13 In den ersten Semestern in Würzburg


  7  vgl Lenin (1908), Ausgabe 1964,219. In den Anmerkungen heißt es in dieser Ausgabe: "Ziehens Philosophie stellt wohl das Verfahrenste dar, was sich bisher der deutsche Eklektizismus geleistet hat und bildet gleichzeitig ein markantes Beispiel für den Teifstand der modernen deutschen Philosophie." (ebd. 483) Weiter ist die Rede von "philosophischem Kauderwelsch", "diesem philosophischen Unikum", "Mischmasch" etc. (vgl. auch Klaus/Buhr (1972), Stichworte "Empiriokritizismus" und "Grundfrage der Philosophie".)

  8  vgl. Flügel (1913), Paulsen(1912-14) und Ulrich (1921)

  9  Kanner 1960,16

10  Weiter schreibt Harms (1962,84): "Von 216 Seiten behandeln 180 ganz speziell die Behandlung der Imbezillität. Auf den restlichen Seiten beschreibt Ziehen das, was er die 'paralytische Demenz' bei Kindern nennt." Diese Angaben sind völlig falsch. Es ist zu vermuten, daß Harms die Arbeiten Ziehens nur sehr flüchtig angesehen hat.

11  vgl. hierzu Ziehen (1923) "Selbstdarstellung"

12  (ebd.2)

13  (ebd.2)


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beschäftigte er sich neben der fachlichen Ausbildung viel mit Philosophie. Er besuchte Vorlesungen und Kolloquien bei G.Neudecker. Seine bevorzugten Philosophen waren Plato, Hume, Spinoza, Berkeley und Kant; von Hegel dagegen Fühlte er sich abgestoßen. "Die Unklarheit der Begriffe und der Gebrauch vieldeutiger Worte waren mir schwer erträglich."14 Als Student scheint Ziehen ein etwas einzelgängerisches Leben geführt zu haben. Entspannung boten ihm Wanderungen, Musik und Literatur, insbesondere das Werk Jean Pauls.

Nach dem Physikum, Ostern 1883, wechselte Ziehen nach Berlin. Um diese Zeit begann er seine medizinische Ausbildung auf die Psychiatrie auszurichten. "Mir war schon damals klar geworden, daß die Psychiatrie wegen ihrer Beziehungen zur Psychologie und infolgedessen zur Philosophie im Bereich der Medizin für mich als Spezialfach am geeignetsten war."15 Vom 5. Semester an besuchte er in den Ferien die Visiten in der Frankfurter Irrenanstalt.16 Im 6.Semester begann er bei H. Munk, dem Physiologen der tierärztlichen Hochschule, seine Dissertation über "Krämpfe infolge elektrischer Reizung der Großhirnrinde." "Auf Rat von Munk vertiefte ich mich im Anschluß an diese experimentelle Arbeit in das ausgedehnte Gebiet der gesamten Hirnanatomie und Hirnphysiologie. In diesem zogen mich namentlich alle psychophysiologischen Fragen an."17 Psychiatrische Vorlesungen hörte er bei C.Westphal.

Im Juli 1885, nach Abschluß von Dissertation und Staatsexamen, ging der 22jährige Ziehen als Volontärarzt nach Görlitz in die "Privatanstalt eines Dr. Kahlbaum, der um die klinische Psychiatrie große Verdienste hat."18 Im Frühjahr 1886 wurde er duch O. Binwanger bereits als Oberarzt an die psychiatrische Klinik von Jena berufen.19 Es folgt nun eine wissenschaftlich sehr fruchtbare Zeit. 1887 habilitierte sich Ziehen mit der Schrift "Sphygmographische Untersuchungen an Geisteskranken." Mit Binswangers Unterstützung richtete er sich ein psychologisches Labor ein, in dem er als Autodidakt mit experimentell- psychologischen Arbeiten begann. "Der Freundlichkeit des Pädagogen H. Rein verdankte ich die Gelegenheit zu psychologischen Untersuchungen an Kindern in der dortigen Seminarschule."20 In der Freizeit jedoch betrieb Ziehen philosophische Studien. "Bei allen psychologischen, hirnphysiologischen und himanatomischen Untersuchungen der damaligen Zeit schwebte mir doch immer als Ziel ein gesamtes philosophisches System und als seine Grundlage eine alles Gegebene umfassende Erkenntnistheorie vor. Schon in der 1.AuFlage meiner physiologischen Psychologie brachte ich dies in den Schlußsätzen der letzten Vor­


 14 ebd.,4

 15 ebd.,4

 16 In dieser Anstalt hatte H. Hoffmann 1864 die erste psychiatrische Kinderabteilung Deutschlands eingerichtet.

 17 Ziehen (1923), 4

 18 ebd., 5. Bei dieser Formulierung ist zu bedenken, daß Ziehens Selbstdarstellung für eine philosophische, nicht eine medizinische Leserschaft geschrieben ist.

 19 Auf der Reise von Görlitz nach Jena besuchte Ziehen in Leipzig eine Vorlesung von W. Wundt; dies scheint der einzige Kontakt zwischen beiden gewesen zu sein.

 20 Ziehen (1923), 7


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lesung deutlich zum Ausdruck. Eine materialistische PhasZiehen (1923), e habe ich überhaupt nie durchgemacht. Auch den psychophysischen Parallelismus betrachtete ich immer nur als eine für die Psychologie didaktisch bequeme und heuristisch förderliche Formulierung eines Problems, nicht als eine Problemlösung. An der Wahrheit, daß uns nur Psychisches gegeben ist und das Materielle nur ein Vorstellungsgebilde von sehr zweifelhafter Berechtigung ist, habe ich schon seit den letzten Gymnasialklassen festgehalten."21

1891 erschien der "Leitfaden der physiologischen Psychologie", 1892 wurde Ziehen außerordentlicher Professor. 1893 heiratete er Marie Schroen, die Tochter eines Jenaer Augenarztes. 1894 erschien das Lehrbuch "Psychiatrie".

Im Jahre 1896 verließ Ziehen die Jenaer Klinik, um bis 1900 eine Privatpraxis zu führen. In diese Zeit fällt die Veröffentlichung der "Psycho­physiologischen Erkenntnistheorie", in der erstmals die Lehre von den "Gignomenen" und das "binomistische Prinzip" aufgestellt werden.22 Außerdem arbeitete Ziehen an seiner Schrift "Die Ideenassoziation des Kindes", deren zwei Teile 1898 und 1900 erschienen.23

1900 wurde Ziehen als Ordinarius für Psychiatrie nach Utrecht berufen. Seine Antrittrede hielt er "über die Beziehungen der Psychologie zur Psychiatrie." In Utrecht konnte er ein großes psychologisches Labor nach eigenen Wünschen einrichten und zahlreiche experimentell- psychologische Arbeiten durchführen. Gleichzeitig begann er mit einer neuen Fassung seiner Erkenntnistheorie. 1902 veröffentlichte Ziehen den ersten Teil seiner Abhandlung "Die Geisteskrankheiten des Kindesalters", deren weitere Teile dann während der Berliner Zeit erschienen.24 Gleichzeitig erschien eine kleine Schrift "Über die allgemeinen Beziehungen zwischen Gehirn und Seelenleben." 1903 wechselte Ziehen nach Halle25 und 1904 an die psychiatrischen Universitätsklinik in der Carité in Berlin.26 Von diesem hochrenomierten Lehrstuhl aus veröffentlichte Ziehen 1904 und 1906 den zweiten und dritten Teil der "Geisteskrankheiten des Kindesalters." Weitere wichtige Schriften aus dieser Zeit behandeln das Gedächtnls und die Methoden der Intelligenzprüfung.

Ziehen fühlte sich in der Klinik jedoch zunehmend unwohl. Die vielfältigen Belastungen in Forschung und Lehre, klinischer und privater Praxis und in der Klinikverwaltung empfand er mehr und mehr als "tödliche Hetzjagd."27


 21 Ziehen (1923), 8

 22 Ziehen bemerkt dazu: "Mach, Avenarius, Schuppe, v. Schubert-Soldern lernte ich erst kennen, als das Manuskript bereits größtenteils fertiggestellt war. Comte hatte ich, wenn ich nicht sehr irre, überhaupt noch nicht gelesen." (ebd., 8)

 23 Ziehen bezeichnet die Jenaer Zeit als die "Fröhlichste und sorgloseste ... meines Lebens ..., zugleich die Zeit, in der ich Freundschaften und dem Verkehr am zugänglichsten war. Nach den vielen Kümmernissen der letzten Jahre schnellte die Lebenslust verstärkt auf." (ebd., 5)

 24 Über die Anfänge der kinderpsychiatrischen Arbeit Th. Ziehens vgl. Kapitel 5.2.

 25 In Halle war sein Vorgänger Eduard Hitzig, sein Nachfolger Carl Wernicke.

 26 Ziehens Vorgänger in Berlin waren Ideler, Griesinger, Westphal und Jolly, sein Nachfolger Karl Bonhoeffer.

 27 ebd., 11; Ziehen scheint allerdings auch ein äußerst gewissenhafter Chef gewesen zu sein. So berichtet Kleist (1959, 113), daß er in Halle "jeden Tag in jeden Raum der Klinik sah, so daß sie blitzsauber war bis in den letzten Winkel".


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Seinen philosophischen Interessen, die sich z.B. in den erkenntnistheoretischen Auseinandersetzungen mit Avenarius, Schuppe und Mach in der "Zeitschrift für Psychologie" niederschlugen,28 konnte er nur in den Ferien nachgehen. "Ich stand in Gefahr, in die Psychiatrie endgültig eingesperrt zu werden."29

Von 1908 an war er daher entschlossen, sich "ganz in die Einsamkeit und in die Philosophie zurückzuziehen."30 Dieser Entschluß wurde 1912 verwirklicht: Ziehen übersiedelte nach Wiesbaden, ließ sich dort als Privatgelehrter nieder und gab die ärztliche Praxis völlig auf.31 Zwar erschien in diesem Jahr noch das von ihm mit herausgegebene "Handbuch der Nervenkrankheiten im Kindesalter"32 mit seinem Beitrag über die Gehirnkrankeiten, auch veröffentlichte Ziehen von Wiesbaden aus noch Schriften über "Psychopathische Kinder," über Fürsorgeerziehung und vor allem die wesentlich erweiterte zweite Ausgabe der "Geisteskrankheiten des Kindesalters" (1915-1917). Im wesentlichen befaßten sich seine Arbeiten von nun an jedoch mit psychologischen und philosophischen Problemen. 1913 vollendete er seine neue Erkenntnistheorie33, 1915 erschienen die "Grundlagen der Psychologie." 1917 erhielt Ziehen dann wieder einen Ruf, diesmal auf den philosophischen Lehrstuhl in Halle; er folgte ihm aus einem "gewissen Universitätsheimweh."34 Sein Arbeitsschwerpunkt lag nun bei Logik und Naturphilosophie35, doch veröffentlichte er daneben auch eine Schrift über das "Seelenleben der Jugendlichen" (1920) sowie eine überarbeitete zweite Auflage der "Geisteskrankheiten des Kindesalters" (1926). Weitere Veröffentlichungen der Halleschen Zeit waren die "Vorlesungen über Ästhetik", die "Allgemeine Psychologie" von 1923 und schließlich die "Grundlagen der Charakterologie" von 1930. Im gleichen Jahr wurde Ziehen emeritiert. Er übersiedelte wieder nach Wiesbaden. Zwei große Alterswerke folgten nun noch: 1933 die "mikroskopische Kleinhirnanatomie"36 und 1934/39 die unvollendet gebliebene, vollständig neubearbeitete zweite Auflage der "Erkenntnistheorie". Am 29.12.1950, mit 88 Jahren, starb Theodor Ziehen in Wiesbaden.


 28 vgl. Ziehen 1902b, Ziehen 1903b, Ziehen 1906b.

 29 Ziehen (1923), 10

 30 ebd., 11

 31 "Nur in der allerschwersten Not habe ich ganz ausnahmsweise meine große nerven- und irrenärztliche Erfahrung zur Verfügung gestellt." "Ich habe meinen Fortgang von Berlin nie bereut." Ebd.,11

 32 Bruns-Cramer-Ziehen, Handbuch der Nervenkrankheiten im Kindesalter, Berlin 1912.

 33 Ziehen gibt an, daß seine Theorie von Spinoza, Mach und Avenarius beeinflußt wurde ("... wenn auch in den Grundanschauungen ein unüberbrückbarer Gegensatz besteht ..."), daß dagegen Comte, J.St. Mill und Spencer keinen Einfluß hatten. Er schreibt: "Das methodologische Prinzip des Positivismus und der sogenannten Immanenzphilosophie konnte ich zwar anerkennen, war aber und bin noch heute der Überzeugung, daß weder das positivistische Prinzip noch das Immanenzprinzip als solches irgend eine Lösung der erkenntnistheoretischen Probleme bedeutet: es enthält eine berechtigte methodologische Forderung, aber mehr nicht." (ebd., 12) Wir werden sehen, daß Ziehen diese Prinzipien im Grunde doch nie verlassen hat.

 34 Ebd, 14

 35 Die Wichtigsten Schriften dieser Zeit: "Lehrbuch der Logik" (1920), "Die Bezeihung der Lebenserscheinungen zum Bewußtsein" (1921a), "Grundlagen der Naturphilosophie" (1922a)

 36 Sie stellt den letzten Teil der von Ziehen verfaßten "Anatomie des Zewntralnervensystems" in Bardelebens "Handbuch der Anatomie des Menschen" dar (Jena 1899-1934).


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1.3 Fragestellung

Bereits in der Übersicht über Ziehens Leben und Werk wird deutlich, daß die schon eingangs erwähnten vier Bereiche des Gesamtwerkes - Allgemeine und Erwachsenen-Psychiatrie, Kinderpsychiatrie, Psychologie und Philosophie - in engen zeitlichen Zusammenhang nebeneinander sich entwickelt haben. Daraus ergibt sich nun ohne weiteres die Frage, ob und in welcher Form Theorie und Praxis der jeweiligen Bereiche sich gegenseitig beeinflußt haben und ob sich ein Grundkonzept, ein Tenor des Ziehenschen Werkes nachweisen läßt. Speziell für den Bereich der Kinderpsychiatrie, die ja den Schwerpunkt unserer Betrachtungen bilden soll, ist zu fragen, in welchem Verhältnis sie zur Allgemeinen und Erwachsenen-Psychiatrie steht, ob Ziehen ein selbstäindiges Konzept für die Behandlung psychisch kranker Kinder entworfen hat oder ob es sich um eine auf das Kindesalter zugeschnittene Fassung allgemeinerer Theorien handelt. Aus der Beantwortung dieser entscheidenden Frage wird sich, im Vergleich mit der seinerzeit üblichen Auffassung des gesunden und kranken Kindes in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, die Wertung des Ziehenschen Beitrags zur Entwicklung der "Kinderpsychiatrie" ergeben.

Auch die anderen Bereiche des Ziehenschen Werkes werden wir in einen weiteren historischen Zusammenhang zu stellen versuchen. Das breite Spektrum der wissenschaftlichen Aktivitäten Ziehens, insbesondere auch die philosophischen Anteile, verleiht der Frage nach dem Einfluß der der wissenschaftlichen Zeitströmungen besonderes Interesse. Um die allgemein-historischen Bedingungen der wissenschaftlichen Praxis in jener Zeit mit in Betracht ziehen zu können, werden wir uns schließlich auch einen kurzen Überblick über die politischen und sozialen Entwicklungen verschaffen müssen.


Kurz zusammengefaßt lauten unsere Fragen also:

  1. Welches waren die wichtigsten wissenschaftlichen Strömungen am Ende des 19. Jahrhunderts, und welche allgemein-historischen Bedingungen haben sie beeinflußt?
  2. Was sind die Grundgedanken in Ziehens Werk, und wie sind sie wissenschaftshistorisch einzuordnen?
  3. In welchem Verhältnis stehen Psychologie, Psychiatrie und Philosophie zueinander im Ziehens Gesamtwerk?

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  1. Welche Auffassung hat Ziehen vom psychisch kranken Kind? Welche Ansichten hat er über die allgemeine und spezielle Psychopathologie des Kindes gebildet, welche therapeutischen Vorstellungen vertritt er, und wie ist seine Haltung zum kindlichen Patienten?
  2. Welche Bedeutung haben seine Schriften über die Geisteskrankheiten des Kindesalters einerseits innerhalb seines eigenen Gesamtwerks und andererseits für die Entwicklung des Faches "Kinderpsychiatrie"?