August Herbst - Theodor Ziehen

Theodor Ziehen im Alter von etwa 40-45 Jahren.

ca. 1904/5 aufgenommen

Theodor Ziehen (1862 - 1950)

Theodor Ziehen wurde 1862 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte in Würzburg und Berlin Medizin und promovierte 1885 zum Dr. med. in Psychiatrie. Zunächst ging er für ein Jahr als Volontärarzt nach Görlitz in eine Privatirrenanstalt unter Leitung von Karl Ludwig Kahlbaum (1828-1899). Einer Einladung Otto Binswangers (1852-1912) folgend, zu ihm nach Jena als Oberarzt an seine Klinik zu kommen und sich zu habilitieren, reiste Ziehen im Mai 1886 nach Jena.
Ziehen habilitierte sich 1887 mit der Arbeit "Sphygmographische Untersuchungen an Geisteskranken". Friedrich Nietzsche (1844 - 1900), der in Turin zusammengebrochen war, wurde am 18, Januar 1889 in Jena eingeliefert. Seine Krankenakte wurde von Binswanger, in wesentlichen Teilen aber von Ziehen geführt. Am 24. März 1890 ging Nietzsche gegen Revers in die private Pflege nach Hause zu seiner Schwester, die ihn bis zu seinem Tode pflegte. Ziehen wurde 1892 zum außerordentlichen Professor ernannt. In dieser Zeit schöpfte Ziehen philosophische Anregungen fast nur aus seiner Arbeit und der Literatur.
Er schreibt dazu:

"Bei allen psychologischen und hirnanatomischen Untersuchungen der damaligen Zeit schwebte mir doch immer als Ziel ein gesamtes philosophisches System und als seine Grundlage eine alles Gegebene umfassende Erkenntnistheorie vor. Schon in der 1. Auflage meiner physiologischen Psychologie brachte ich dies in den Schlußsätzen der letzten Vorlesung deutlich zum Ausdruck. Eine materialistische Phase habe ich überhaupt nie durchgemacht. Auch den psychophysischen Parallelismus betrachtete ich immer nur als eine für die Psychologie didaktisch bequeme und heuristisch förderliche Formulierung eines Problems, nicht als eine Problemlösung. An der Wahrheit, daß uns nur Psychisches gegeben ist und das Materielle nur ein Vorstellungsgebilde von sehr zweifelhafter Berechtigung ist, habe ich schon seit den letzten Gymnasialklassen festgehalten."   (Selbstdarstellung, In: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen; Hrsg. von Raymund Schmidt. Leipzig 1923, Band 4, S. 218-236, Zitat Seite 226)

Zur Zeit arbeite ich an einer philosophischen Dissertation über Theodor Ziehen. So nach und nach werde ich aber einiges über ihn - und auch von ihm - hier zugänglich machen. Aus dem Nachlass Ziehens habe ich einiges Bildmaterial, welches hier - in Bildschirmauflösung - zum Teil zu sehen sein wird. Auch eine Bibliographie seiner Aufsätze und Werke - soweit ich sie aus dem Nachlass habe recherchieren können - wird demnächt hier zugänglich sein. Da die Auseinandersetzung mit Ziehen überwiegend in Aufsätzen oder in anderweitigen Monografien mehr verborgen stattfand, bin ich für Hinweise sehr dankbar.
Manchmal gibt es die merkwürdigsten Zufälle: Vor etwa 5-6 Jahren (also 1999) fiel mir auf dem Flohmarkt hier in Münster eine sehr gut erhaltene Ausgabe der Grundlagen der Naturphilosophie (1922) von Ziehen in die Hände. Als ich das Bändchen öffnete, fand ich auf dem Vorsatz folgende Widmung: "Zur Festhaltung des bei Ziehen Gehörten. Februar 1926. Tante Mimi."

Im Sommer 1900 erhielt Ziehen einen Ruf als Ordinarius der Psychiatrie nach Utrecht zu kommen. Im Jahr 1903 folgte Ziehen einem Ruf als Ordinarius der Psychiatrie und Nervenheilkunde nach Halle um schon im Sommer 1904 als Ordinarius für Psychiatrie an die Charité nach Berlin zu gehen. Endlich kaufte er in Wiesbaden eine kleine Villa, ließ sich vorzeitig in den Ruhestand versetzen und zog im März 1912 dorthin, um ganz der Philosophie zu leben.
Schon nach einem Jahr intensiver Arbeit konnte Ziehen 1913 seine Erkenntnistheorie auf psychophysiologischer und physikalischer Grundlage herausgeben. In Weiterentwicklung seiner Gedanken seit 1898 setzt er sich hier noch stärker von Kants "Ding an sich" oder Lockes "objects themselves" ab, weil er den Gegensatz von "psychisch" und "physisch" für grundsätzlich falsch gebildet hält. Da sich Ziehen darüber klar war, daß dieses umfangreiche Werk nicht ganz leicht zu lesen war - zumal er, ähnlich wie Avenarius, eine recht eigenwillige Terminologie entwickelte - arbeitete er noch einen Vortrag aus, der 1914 unter dem Titel Zum gegenwärtigen Stand der Erkenntnistheorie veröffentlichte. Daneben arbeitete er an seinen Grundlagen der Psychologie, die 1915 erschienen.
Auf einen Ruf nach Halle zieht Ziehen im September 1917 dorthin. Hier beschäftigte er sich, nach dem Abschluß der Logik, wieder intensiver mit der Naturphilosophie und der Ästhetik. So erschienen 1922 das Werk Grundlage der Naturphilosophie und 1923 und 1925 die zwei Bände Vorlesungen über Ästhetik. Zu seinen psychologischen Arbeiten dieser Zeit gehören kleine Schrift Die Beziehungen der Lebenserscheinungen zum Bewußtsein (1921) und das mit den Vererbungstheoretiker V. Haecker 1923 in Leipzig herausgegebene Werk Zur Vererbung und Entwicklung der musikalischen Begabung. Aus dieser Zeit vermitteln die Lebenserinnerungen seines wohl bekanntesten Schülers, des lange Jahre in Münster als Zoologen tätigen Bernhard Rensch (1900-1990), einen durchaus lebendigen Eindruck von der Art Ziehens.
Nach seiner Emeritierung in Halle im Jahre 1930, siedelte Ziehen mit seiner Frau und seinem behinderten Sohn Siegfried wieder in die Nähe seiner Heimatstadt, nach Wiesbaden. Dort starb Theodor Ziehen am 29.12.1950.

© 2001-2006 August Herbst