August Herbst - Theodor Ziehen

Zum Begriff der Geschichtsphilosophie (1)

von Th. Ziehen in Halle a/S.

Kant-Studien, Bd. 28, 1923, S. 66-89


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Die Begriffsbestimmung der Geschichtsphilosophie hängt von derjenigen der Geschichte ab und mit derjenigen der Geschichtswissenschaft zusammen. Bei der völligen Aussichtslosigkeit einer rein logischen deduktiven Klassifikation der Gegenstände und damit der Wissenschaften scheint es am einfachsten, die Vertreter der Geschichtswissenschaft selbst zu fragen, wie sie auf Grund ihrer historischen Erfahrung und Forschung den Begriff der Geschichte bestimmen. Indes ergibt schon eine kurze Umschau, daß die Historiker unter sich über die Definition der Geschichte keineswegs einig sind. Über ein Dutzend inhaltlich wesentlich verschiedener Definitionen läßt sich ohne Schwierigkeit zusammenstellen. Die Geschichtswissenschaft kann selbst nicht angeben, was die Geschichte ist. Und dies Unvermögen ist durchaus nicht wunderbar. Anderen Wissenschaften geht es genau ebenso. Die Zoologie ist auch heute noch nicht imstande, den Begriff des Tiers exakt zu definieren, und in fast noch größerer Verlegenheit befindet sich die Geometrie gegenüber dem Begriff des Räumlichen. Solche Definitionen sind immer erst als späte Ergebnisse der Wissenschaft möglich. Die meisten Wissenschaften grenzen ihren eigenen Gegenstand erst allmählich ab. Außerdem ergibt sich, daß eine solche Begriffsbestimmung und Abgrenzung auf dem eng begrenzten Boden der einzelnen Wissenschaften überhaupt gar nicht möglich ist, sondern nur im Zusammenhang mit der Untersuchung der  Gesamtheit  des Gegebenen erfolgen kann. Das bedeutet aber nichts anderes als die Notwendigkeit einer Mitwirkung der  Philosophie. Derjenige Teil der Philosophie, der zu dieser Hilfeleistung speziell bei der Geschichte berufen ist, ist die Geschichtsphilosophie.Freilich wird sich alsbald ergeben, daß der Begriff der letzteren mit dieser Aufgabe keineswegs erschöpft ist. Zuvor aber verdient schon jetzt hervorgehoben zu werden, wie eigentümlich sich von dem eben gekennzeichneten Standpunkt aus die Aufgabe der Geschichtsphilosophie gestalten muß: sie hat die Definition der Geschichte zu geben und begründet damit auch erst ihre eigene Definition, eine Lage, die sie übrigens mit der Rechtsphilosophie, Religionsphilosophie, ja streng genommen mit jedem Zweig der Philosophie teilt. Zugleich leuchtet ein,


1) Nach einem Vortrag in der Generalversammlung der Kant- Gesellschaft am 8. Juni 1922. Einzelausführungen und Literaturhinweise habe ich einer ausführlichen Arbeit über den gleichen Gegenstand vorbehalten. Vgl. auch S. 68, Anm. 2.

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daß diese Mithilfe der Philosophie durchaus nicht etwa eine Rückkehr zu einer deduktiv-spekulativen Methode bedeutet. Es wird vielmehr der empirische Weg festgehalten und nur gefordert, daß bei der Definition der Geschichte die Gesamterfahrung berücksichtigt werde.

Eine  zweite  Aufgabe der Geschichtsphilosophie ergibt sich aus folgender Überlegung. Es genügt uns nicht, daß der  Gegenstand  der Geschichtswissenschaft, also die Geschichte philosophisch - entsprechend einer Erkenntnistheorie im weiteren Sinn(1) - bestimmt und abgegrenzt werde. Wir verlangen auch im Sinn einer Erkenntniskritik - also einer Erkenntnistheorie im  engeren  Sinn - eine kritische Untersuchung der historischen wissenschaftlichen Erkenntnis als solcher. Wir fragen nach den Bedingungen, nach dem Urprung und den Grenzen "gültiger" historischer Erkenntnis und damit naeh ihrer "Gewißheit". Selbstverständlich ist die Philosophie für diese erkenntniskritische Frage nur in erkenntniskritischer Beziehung zuständig; die in den" Quellen" gelegenen Erkenntnisbedingungen gehören ganz und gar in das Gebiet der Geschichtsforschung selbst. Als Beispiel einer solchen erkenntniskritischen Fragestellung mag vorläufig etwa das historische Apriori Simmels angeführt werden. Wir werden uns später überzeugen, ob und wieweit mit dieser zweiten Aufgabe wirklich ein selbständiges Arbeitsgebiet der Geschichtsphilosophie gegeben ist.

Man könnte denken, daß im Anschluß an diese erkenntniskritische Aufgabe der Geschichtsphilosophie auch die spezielle  Logik  der Geschichte d. h. die Lehre von der formalen Gesetzmäßigkeit des Denkens mit Bezug auf seine Richtigkeit und Falschheit in ihrer speziellen Anwendung auf die Geschichtswissenschaft unter den Begriff der Geschichtsphilosophie falle. Mir scheint jedoch eine solche Zuordnung wenig zweckmäßig. Das Denken des Historikers ist selbstverständlich an die alle gemeine Logik gebunden, und ebenso selbstverständlich wird es hier und da zweckmäßig sein, die Formulierung der allgemeinen Gesetze und Regeln der Logik dem speziellen Wissenschaftsgebiet der Historik anzupassen und weiter auszuarbeiten. Das alles sind aber Aufgaben, die lediglich auf eine Anwendung der allgemeinen Logik hinauslaufen. Ein selbständiges Arbeitsgebiet ist damit nicht gegeben. Wollte man diese spezielle Logik der Geschichte zur Geschichtsphilosophie rechnen, so würde mit demselben Recht eine Psychologie der Geschichte - der historischen Individuen, der Einzelnen und der Massen - Aufnahme in die Geschichtsphilosophie beanspruchen können. Eine solche Erweiterung des Begriffs der Geschichtsphilosophie wäre durchaus unzweckmäßig. Geschichtsphilosophie wäre dann schließlich jede Beteiligung der Philosophie im weitesten Sinn an irgendeiner Aufgabe der Geschichtswissenschaft. Der


1) Vgl. meine Erkenntnistheorie, Jena 1913, S. 512ff..

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Terminus "Gechichtsphilosophie" würde bei einer solchen Inflation seinen Wert vollständig verlieren.

Man könnte glauben, daß mit den beiden eben festgestellten Aufgaben, der erkenntnistheoretischen im weiteren und der erkenntnistheoretischen im engeren Sinne, das Aufgabengebiet der Geschichtsphilosophie bereits endgültig umrissen und erschöpft sei. Dem ist nicht so. Ganz analog, wie ich dies kürzlich bezüglich der Naturphilosophie ausgeführt habe, hat man der Geschichtsphilosophie auch die Aufgabe gestellt, oder kann man sie ihr wenigstens stellen, bei den allgemeinsten Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft selbst mitzuwirken. Wie bei den allgemeinsten Lehren von der Materie, vom Räumlichen usf. in der Physik und Mathematik die Mitwirkung der Philosophie nicht entbehrt werden kann(1), so könnte man denken, daß auch die allgemeinsten und letzten Probleme der Geschichtswissenschaft die Mitarbeit des Phi1osophen erheischen. Die Geschichtsphilosophie, deren beide erste Aufgaben im Wesentlichen formal waren, sähe sich damit auch vor bestimmte materiale Aufgaben gestellt. Zu diesem Problemkreis können als vorläufige Beispiele angeführt werden: die Frage bestimmter allgemeiner historischer Gesetze, die Frage des Endziels der historischen Entwicklung usf. Der ganze Kreis könnte als "Generalgeschichte" - im teilweisen Gegensatz zur "Universalgeschichte" - zusammengefaßt werden. Meines Erachtens läßt sich kein stichhaltiger Grund für seine Ausscheidung aus der Geschichtsphilosophie anführen.

Mit diesen drei Aufgaben bzw. Aufgabenkreisen ist der Begriff der Geschichtsphilosophie, wie sie sich seit den ersten Andeutungen bei Anaximander bis heute entwickelt hat, scharf umrissen:  die Geschichtsphilosophie ist derjenige Teil der Philosophie, welcher die Geschichte als den Gegenstand der Geschichtswissenschaft erkenntnistheoretisch bestimmt, das historische Erkennen erkenntniskritisch untersucht und an den allgemeinsten historischen Erkenntnissen mitwirkt. Man kann sich leicht überzeugen, daß diese Aufzählung vo1lständig ist. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man höchstens vielleicht die Untersuchung der Frage nach demn "Sinn" der Geschichte vermissen. Es wird sich aber sehr bald zeigen, daß diese Frage ganz und gar in das Bereich der ersten und der dritten der aufgezählten Aufgaben fällt. lch gehe daher sofort dazu über, die drei Problenmkreise einzeln zu besprechen, soweit sie einen tieferen Einblick in den allgemeinen Begriff und die allgemeine Methodologie(2) der Geschichtsphilosophie gewähren. Unsere allgemeine Feststellung des Begriffs der


1) Gerade die bedeutendsten neueren Physiker wie H. Hertz und H. A. Lorentz haben dies unumwunden anerkannt.

2) Um mit der zur Verfügung stehenden Zeit auszukommen, habe ich in dem Vortrag die methodologischen Fragen ganz zurücktreten lassen; hier geschieht dasselbe, um mit dem verfügbaren Raum auszukommen.

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Geschichtsphilosophie bekommt erst Inhalt und Bedeutung durch Feststellung der Probleme, die sich aus den drei gestellten Hauptaufgaben ergeben.

I. Bestimmung des Gegenstandes der Geschichtswissenschaft.

Es handelt sich darum zu zeigen, daß hier wirklich das Problem einer besonderen Wissenschaft, nämlich eben der Geschichtswissenschaft vorliegt. Wir fragen also: was ist Geschichte als Gegenstand der Geschichtswissenschaft? und erkennen sofort, daß damit auch die  Wertfrage untrennbar verbunden ist: aus dem Wesen der Geschichte muß sich ihr Wert ergeben, und anderseits wird bei ihrer Abgrenzung auch die Wertfrage berücksichtigt werden müssen. Wissenschaft ist nicht nur systematisch zusammenhängendes Wissen, sondern zugleich auch  wertvolles  Wissen - man denke an die Tbeorie des Billard oder Schach, die wir nicht als wertvolles Wissen im Sinn der Philosophie und daher nicht a1s Wissenschaft gelten lassen werden -; das gesuchte Charakteristikum muß also zugleioh den Wert begründen

Die Antwort auf unsere Frage bietet die allergrößten Schwierigkeiten. In welcher Beziehung - erkenntnistheoretisch betrachtet - sind die Menschen und Völker der Geschichte etwas anderes als die individuellen Stäubchen und Staubflocken, die ein Lufthauch auf meinem Pult hier- und dorthin treibt, oder die Wasserteilchen und Wellen der Saale? Ganz ungenügend wäre der Einwand, daß bei dem Staub und dem Wasser seelische Prozesse(1) fehlen. Wir würden sofort an Stelle der Stäubchen und Wssserteilchen z. B. die vielen Gedanken und Gefühle und Handlungen der zahllosen zum Markt wandernden Personen setzen und unsere Frage wiederholen: sind diese Gedanken und Gefühle und Handlungen etwas Geschichte, warum sind sie nicht Gegenstand eines wertvollen Wissens? Ich kann ebenso auch die unzähligen  ethischen  Handlungen der einzelnen Menschen heranziehen und muß konstatieren, daß sie einzeln als solche keine Geschichte sind.

Um gegenüber diesen Schwierigkeiten(2) die Geschichte doch als einen wissenswerten Gegenstand abzugrenzen, liegen zwei Wege offen: entweder man nimmt für die Geschichte in Anspruch, daß sie auch  allgemeine  Erkenntnisse neben individuellen verschaffe, und sucht die Bedeutung und den Wert der Geschichte eben in diesen allgemeinen Erkenntnissen, oder man sucht nachzuweisen, daß die individuellen, d. h. auf Individuen (einzelne Personen und Völker) bezüglichen Vorgänge, welche die Geschichte bilden, ungeachtet ihres individuellen Charakters ­ ihres Stäubchencharakters - wertvoll sind, weil sie durch bestimmte


1) Man denke etwa an Külpes seelisohe Verhaltungsweisen.

2) Die Schwierigkeiten sind so groß, daß man bekanntlioh sogar zu individuellen Gesetzen und singulären Gesetzen, also zu hölzernem Eisen seine Zuflucht nahm.

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Merkmale ausgezeichnet sind, und bemüht sich, diese Merkmale zu finden. Bei dem ersten Weg handelt es sich um die Frage des generellen Charakters, bei dem zweiten um die Frage des individuell-selektiven Charakters der Geschichte. Natürlich steht auch nichts im Wege, die Abgrenzung und Wertung der Geschichte auf beiden Wegen zugleich zu versuchen.

Ich betrachte zuerst den ersten Weg, stelle mich also etwa auf den Standpunkt des Spinoza (Eth. I, 5), daß bei jedem "vere considerare" von dem Individuellen abzusehen ist. Enthält die Geschichtswissenschaft nun wirklich auch irgendwelche  allgemeine  Erkenntnisse? Bekanntlich ist dies ebenso entschieden behauptet wie bestritten worden. Ich erinnere an die scharfen Gegensätze zwischen der Darstellung Lamprechts einerseits und etwa Windelbands und Rickerts andererseits. Meines Erachtens kann nicht daran gezweifelt werden, daß die Geschichtswissenschaft auch allgemeine Erkenntnisse sucht und in großer Zahl findet. Man muß sich dabei nur von dem Irrtum losmachen, daß allgemeine Erkenntnisse, d. h. Erkenntnisse eines Allgemeinen etwa immer Erkenntnisse von  Gesetzen  im engeren Sinn sein müßten ("nomothetisch" im Sinne Windelbands). Die Allgemeinbegriffe Tier, Frosch, Erdbeben usf. sind keine Gesetze im engeren Sinn. Allenthalben gibt es Allgemeinbegriffe von Gegenständen, geistigen wie körperlichen, veränderlichen wie unveränderlichen, die sich auf Ähnlichkeiten gründen, aber nicht als Gesetze bezeichnet zu werden pflegen. Wir stellen nun zunächst fest, daß solche Allgemeinbegriffe in der Geschichtswissenschaft durchaus nicht fehlen. Man denke an Allgemeingebilde wie z. B. Recht, Gesetz, Staat, Religion, Königtum, Parlament, Prophet, Horde, Rasse, Kommunismus, Stil, Romantik, Impressionismus usf., oder Allgemeinvorgänge  wie Staatengründung, Revolution, Krieg, Stilwandlung usf. Hier liegen alle logischen Merkmale echter Allgemeinbegriffe vor. Insbesondere handelt es sich durchaus nicht um individuelle Komplexionsbegriffe (etwa individuelle Kollektivbegriffe). Die Abstraktion von den räumlich-zeitlichen Individualkoeffizienten, die charakteristische "Offenheit"(1) usf. der Allgemeinbegriffe ist vorhanden. Der Allgemeinbegriff "Archaeopteryx" oder "Katze" und der Allgemeinbegriff "Prophet" oder "König" sind gewiß in vielen wesentlichen Punkten weit verschieden, aber bezüglich der logischen Allgemeinheit kann ich keinen wesentlichen Unterschied entdecken. Gewiß hat es in der Geschichte nur eine bestimmte Zahl von Propheten und Königen gegeben, dasselbe gilt aber auch von den Archaeopteryxindividuen und den Katzen. Es wird noch manche Könige geben, wie es noch Katzen geben wird. Dasselbe lehrt ein Vergleich der Allgemeinbegriffe "Erdbeben" und "Revolution".

Für die Untersuchung dieser historischen Allgemeinbegriffe kommt


1) Vgl. meine Logik, Bonn 1920, S. 330.

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auch nicht etwa eine andere Wissenschaft als die Geschichtswissenschaft(1) in Betracht. Oder sollte etwa die Revolution nur von der Rechtswissenschaft untersucht werden? Höchstens könnte man einen Augenblick daran denken, die Untersuchung dieser Allgemeinbegriffe der Psychologie, speziell etwa der Völkerpsychologie oder einer sogen. Soziologie zuzuweisen. Aber eine solche Zuweisung ist ganz unhaltbar. Die Subordination unter die Psychologie führt, wie dies z. B. in den Ausführungen Sprangers deutlich zu Tage tritt, zu einer einseitigen psychologischen oder - um ein viel mißbrauchtes Modeschlagwort zu verwenden - psychologistischen Auffassung der geschichtlichen Tatsachen. Diese umfassen noch viel mehr als psychische Prozesse. Das Königtum, der Krieg usf. sind nicht lediglich,  psychische  Tatsachen. Daß der Geschichtswissenschaft und der Psychologie manche Teilgebiete gemeinsam sind, soll dabei keineswegs bestritten werden. Die Psychologie der Revolutionen, die Psychologie der Mystik, der Romantik usf. wird von dem Psychologen und dem Historiker gemeinsam bearbeitet werden müssen oder vielmehr vom Historiker nur unter Mitwirkung der Psychologie bzw. unter Heranziehung psychlogischer Tatsachen, Gesetze und Methoden bearbeitet werden können; aber die Revolution, die Mystik, die Romantik ist mit den psychologischen Prozessen, die sie begleiten, nicht erschöpft. Ebensowenig können die in Rede stehenden historischen Allgemeinbegriffe schlechthin einer "Soziologie" zugewiesen werden. Ganz abgesehen von der kaum glaublichen Konfusion, welche in den Definitionen des Begriffs der Soziologie herrscht, sprechen namentlich zwei Argumente entscheidend gegen eine Zuweisung an die Soziologie. Erstens ist - worauf ich später zurückkomme - eine Geschichte auch ohne soziale Gemeinschaften - gewissermaßen eine monologische Geschichte wenigstens denkbar, und zweitens gibt es zahlreiche geschichtliche Tatsachen, die zwar auf dem Boden menschlicher Gemeinschaften aufgetreten sind, aber kein nennenswertes  soziales  Interesse beanspruchen. Oder hat etwa der Allgemeinbegriff der Romantik in der Kunstgeschichte oder der Allgemeinbegriff des Nominalismus in der Geschichte der Logik und der Erkenntnistheorie lediglich oder auch nur vorwiegend soziologische Bedeutung?

Es ist auch gar kein Grund abzusehen, weshalb die Geschichtswissenschaft die Untersuchung solcher Allgemeinbegriffe ablehnen sollte. Wenn manche Historiker kein Interesse für das Allgemeine der Gesohichte haben, so ist deshalb doch ein Interdikt über diejenigen, die es haben, ganz ungerechtfertigt.

Alle diese Allgemeingebilde sind aber speziell auch insofern Gegenstände der Geschichtswissenschaft und bestimmen ihren Begriff, als sie


1) Selbstverständlich ist hier überall nicht nur an die Wissenschaft der politischen Geschiohte zu denken, sondern ganz ebenso an die Wissenschaft der Literaturgeschiohte usf.

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zur Struktur der Geschichte gehören, d. h. als allgemeine kausale Faktoren in ihr wirksam sind. Auf die naheliegenden Beziehungen zu den Typen und historischen Prinzipalbegriffen Diltheys als Grundformen des Kulturgeschehens kann hier nur kurz hingewiesen werden.

Nicht so einfach ist die Frage zu beantworten, ob die Geschichte auch  Gesetze  s. str. enthält, also die Geschichtswissenschaft auch  Gesetze  zu erkennen hat. Der Allgemeinbegriff eines Gesetzes ist vom Allgemeinbegriff eines Vorganges noch zu unterscheiden. Da diese Unterscheidung sowohl erkenntnistheoretisch wie logisch von erheblicher Bedeutung ist und gerade auch bei dem Problem der  historischen  Gesetze eine Rolle spielt, überdies auch bisher nicht mit ausreichender Schärfe durchgeführt worden ist, soll sie mit kurzen Worten erörtert werden. Sind historische Vorgänge gegeben, die vermöge ihrer Ähnlichkeit zu einem Allgemeinbegriff eines Vorgangs z. B. "Revolution" zusammengefaßt worden sind, so kann man sie symbolisch etwa folgendermaßen ausdrücken:

Vorgang 1 (z. B. Cromwellsche Revolution) a b c d m . . . → a b c' d' m . . . &rarr a b c" d" m . . . usf.

Vorgang 2 (z. B. französische Revolution v. 1789) a b c d n . . . → a b c' d' n . . . → a b c" d" n . . . usf.

desgl. Vorgang 3, 4 usf., wo a b c d m, a b c d n usf. die Ausgangskomplexe der einzelnen Vorgänge, a b c' d' m, a b c" d" m usf. die weiteren Stadien des ersten Vorganges bezeichnen usf.; a, b würden die jeder Revolution zukommenden, im Verlauf des Vorgangs der Revolution unverändert bleibenden Merkmalkomplexe, hingegen c, d die jeder Revolution zukommenden, mit dem Vorgang der Revolution sich verändernden Merkmalkomplexe (z. B. Verfassung) sein; mit m, n usf. sind die variablen, nicht jeder Revolution zukommenden, also individuellen Merkmalkomplexe der einzelnen historisch besimmten Revolutionen bezeichnet(1). Auf Grund dieser Symbolik läßt sich der gesuchte Unterschied relativ einfach und klar fest1egen: der Allgemeinbegriff des  Vorgangs  ist gegeben in a b c d → a b c' d' → a b c" d" → usf., dagegen bezieht sich der Allgemeinbegriff des  Gesetzes  auf c d → c' d' → c" d" → usf. Man kann sich an Beispielen (Fallgesetz, Erdbebengesetze) leicht überzeugen, daß auch auf anderen Gebieten diese Unterscheidung zutreffend und fruchtbar ist. Allerdings darf man nicht glauben, daß zwischen den Komplexen a, b einerseits und den Komplexen c, d anderseits eine scharfe Grenze gezogen werden könne(2).


1) Daß auch diese sich im Verlauf des Vorgangs verändern, ist als für die augenblickliche Betrachtung unwesentlich in dem Symbol nicht zum Ausdruck gebracht worden.

2) Es ist also nicht etwa nur cd als Ursache zu bezeichnen, sondern abcd usf. (bei dem Fallgesetz s = g/2 t2 würden s, g und t dem cd und etwa die Masse des fallenden Körpers dem a b entsprechen).

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Kann nun die Geschichtswissenschaft  Gesetze  in diesem Sinn erkennen? Jedenfalls ist der Bestand an Gesetzen, die bis jetzt von den Historikern entdeckt worden sind, äußerst dürftig und umstritten. Man könnte etwa an Wundts Gesetz der historischen Resultanten oder Sätze wie "Selbstverwaltung weckt Gemeinsinn", "auf Aktionen folgen Reaktionen" u. dgl. denken. Prüft man sie im einzelnen, so erweisen sie sich durchweg entweder als zweifelhaft oder als trivial. Im Allgemeinen muß sich die Geschichtswissenschaft mit "Regeln" an Stelle von Gesetzen begnügen. Daraus ist aber keineswegs zu schließen, daß die geschichtlichen Vorgänge irgendwie weniger gesetzmaßig seien als beispielsweise die physikalischen oder chemischen. Ihr Gesetzmäßigkeit ist nur viel verwickelter. Gesetze des Materiellen und des Psychischen wirken in komplizierter Weise zusammen. Es liegt gerazu im Wesen des Gesetzes, daß es  einzeln  nur für Einfaches gilt. Für die zusammengesetzten historischen Vorgänge sind daher "Gesetze" gar nicht zu erwarten. Wachsmuths "absolute Gesetze aus überirdischer Höhe" sind überflüssig. Schon in der Biologie begegnet uns ganz Ähiiliches. Es wird Niemandem einfallen, die Gesetzmäßigkeit der Lebensvorgänge, z. B. der Vererbungsvorgänge zu bestreiten, aber schon hier sind die zusammenwirkenden Gesetze so kompliziert, daß wir uns meist mit "Regeln" ohne volle Exaktheit zufrieden geben müssen. Man denke beispielsweise an die Mendelschen Vererbungsgesetze, die bei allen komplizierteren Vererbungsvorgängen versagen. Auch der Vergleich mit der Meteorologie oder der Psychologie ist sehr lehrreich. Ganz irreführend wäre es, wenn man allen diesen Wissenschaften Gesetzmäßigkeiten ganz absprechen oder nur "vage" Gesetzmäßigkeiten zugestehen wollte. Speziell für die Geschichte können wir nur zugeben, daß erstens ihre Gesetzmäßigkeiten so verwickelt sind, daß sie nur in Form von Regeln erkannt werden können, und daß zweitens ihre Gesetze nicht autochthon sind, d. h. nicht für das geschichtliche Geschehen spezifisch sind.

Als Ergebnis dieser Überlegungen steht jedenfalls fest, daß - selbst wenn wir die historischen Gesetze bezw. ihre Surrogate, die historischen Regeln gänzlich preisgeben wollten - die Geschichtswissenschaft auch Allgemeingebilde in dem erstbesprochenen Sinn untersucht. Anderseit werden wir Bedenken tragen zu behaupten, daß die Geschichtswissenschaft  nur  das Allgemeine der Geschichte zu ermitteln habe und das Einzelne lediglich zu dem Zweck untersuche und feststelle, um zu allgemeinen Ergebnissen zu gelangen (etwa im Sinne Lamprechts). Daher haben wir nunmehr den  zweiten  der oben (S. 69) angeführten Wege einzuschlagen und zu prüfen, ob nicht auch das  Individuelle  in der Geschichte als solches, d. h. ohne Rücksicht auf das Allgemeine, aber in einer besonderen, wertbegründenden Auswahl Gegenstand der Geschichte ist. Dies scheint um so mehr geboten, als in der tatsächlichen Geschichtsforschung die Feststellungen des Individuellen bei weitem überwiegen. In der Tat ist

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denn auch oft genug behauptet worden, daß gerade das Individuelle, das Einzigartige, niemals Wiederkehrende der wirkliche Gegenstand der Geschichtswissenschaft sei. Die Einmaligkeit gilt geradezu als ein Vorzug. Nun muß ich gestehen, daß es schließlich doch nicht ganz uninteressant gewesen wäre, wenn beispielsweise im Lauf der Geschichte mehrmals ein Luther aufgetreten wäre, vielleicht für viele noch viel Interessanter, als wenn der Archaeopteryx uns in mehreren hundert Exemplaren erhalten wäre. Und wenn die Beschränkung der Geschichtswissenschaft auf die Menschheit oft so stark akzentuiert und die Geschichte dieser Erdenmenschheit als "Welt"geschichte bezeichnet wird, so werde ich doch an den Fuchs erinnert, dem die Trauben zu sauer sind. Wären der Geschichtsforschung mehr Erden und mehr Menschheiten zugänglich, so würde vielleicht manches, was wir jetzt als einzigartig und einmalig preisen, sich als generalisationsfähig erweisen und erst recht interessant werden.

Indes verschwinden alle solche Erwägungen gegenüber der Frage, die wir vorgreifend vorhin bereits aufwarfen: welches Individuelle ist Gegenstand der Geschichtswissenschaft? Da die Geschichtswissenschaft nicht alles Individuelle feststellen will und feststellt, so muß sie eine Auswahl treffen. Nach welchem Maßstab findet diese Auswahl statt? Die Antwort hierauf kann verschieden lauten und hat in der Tat verschieden gelautet. Die wichtigsten Antworten, die in Betracht kommen, sollen im folgenden einzeln besprochen werden.

Erstens hat man gesagt: das Individuelle ist Gegenstand der Geschichte nur insoweit, als es sich um individuelle Massen, nicht um individuelle Einzelpersonen handelt. In der Regel hat man dann weiter an Stelle der individuellen Massen die individuellen Völker oder die individuellen Gesellschaften oder gar die Menschheit als Maximalindividuum gesetzt. Mit anderen Worten man versuchte, logisch ausgedrückt, die preisgegebene Generalisation durch eine besondere Komplexion bezw. Kollektion zu ersetzen. Zahlreiche Definitionen gehören hierher. Beispielsweise erinnere ich an die Bernheimsche Definition der Geschichte als "Entwicklung der Menschen in ihrer Betätigung als soziale Wesen"(1). Gegen diese individual-kollektive Auffassung der Geschichte erheben sich die schwersten Bedenken. Ich muß schon bestreiten, daß der Begriff der Geschichte überhaupt notwendig eine Mehrheit von Individuen erheischt. Eine "monologische" Geschichte ist als Kulturgeschichte durchaus nicht undenkbar. Dazu kommt weiter, daß keineswegs jede Betätigung von Massen historische Bedeutung hat; das alltägliche Essen, Trinken, Sehen, Hören, Überlegen der Menschenmassen bekommt nur unter ganz besonderen Umständen Bedeutung. Ferner ist der Begriff der Gesellschaft viel zu unbestimmt. Die Definition der Gesellschaft als


1) Insofern Bernheim übrigens die "Entwicklung" in seine Definition aufnimmt, geht er über die sub 1 besprochene Definition hinaus.

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einer "Mehrheit mit gegenseitigen Wechselwirkungen" genügt offenbar nicht. Vom Standpunkt dieser Definition wäre jede Prügelei auf der Straße ein Gegenstand der Geschichtswissenschaft. Man müßte also schon etwa folgende Definition an die Stelle setzen: Gesellschaft ist eine Mehrheit von Individuen, die infolge Wechselwirkungen(1) eine höherdifferenzierte Einheit bildet. Damit wird aber auf die rein quantitative Auffassung ("Massen") verzichtet und an ihre Stelle die unten sub 3 und 4 zu betrachtende Auffassung gesetzt.

Zweitens hat man bei der Auswahl des Individuellen in der Geschichte die  Trag- oder Wirkungsweite  der individuellen Vorgänge und Personen in den Vordergrund gestellt. Begreiflicherweise kommt weniger die räumliche als vielmehr die zeitliche Wirkungsweite in Betracht. Auch als Beziehung auf einen "größeren" Zusammenhang kann man dies Merkmal deuten. Von den großen griechischen Historikern bis auf den heutigen Tag ist diese Auffassung vielfach bald offen, bald stillschweigend vertreten worden. Und doch scheint sie mir theoretisch durchaus zu versagen. Sie übersieht oder unterschätzt die sukzessive Entwertung aller individuellen historischen Ereignisse und Personen. Alexander, Luther, Goethe, der Dreißigjährige Krieg, die Reformation usw. haben sicherlich eine große Wirkungsweite und in der kleinen Spanne der Geschichte, die wir kennen, haben sie ihre Wirkung noch nicht eingebüßt. Was wird aber nach hunderttausend und mehr Jahren von dieser Wirkung übrig geblieben sein? Für die Menschen, die dann leben, wird der Dreißigjährige Krieg nicht einmal die Bedeutung haben, die wir jetzt noch den einzelnen messenischen Kriegen beimessen. Durch das Merkmal der Tragweite wird die Entwertung durch die Zeit nur hinausgeschoben, aber nicht beseitigt. Wir gelangen schließlich dazu, die Tragweite bis zur jeweiligen Gegenwart als Maßstab zu verwenden. Die Gegenstände der Geschichtswissenschaft verlieren ihren Dauercharakter, sie lösen sich gemäß ihrer "Aktualität" ab. Die Geschichte als Gegenstand der Geschichtwissenschaft wird zu einem Wanderer, dessen Ranzen ein immer wechselnder Inhalt füllt. Das "vixere fortes ante Agamemnona multi" findet ein Gegenstück in der Zukunft. Und dieser zeitlichen Entwertung geht eine räumliche parallel. Wir dürfen doch nicht so naiv sein zu glauben, daß unsere kleine Erde der einzige von denkenden und handelnden Personen bewohnte Weltkörper ist und nur auf dieser Erde eine "Geschichte" abläuft(2). Wenn aber zahlreiche andere Weltkörper ebenfalls Träger einer Geschichte sind, welche Bedeutung bleibt dann für die einzelne Person und das einzelne Ereignis eines einzelnen Weltkörpers über? Was wäre Alexander für die Erde eines Sirius? Die physikalischen Ge-


1) Das "gegenseitig" in der Simmelschen Definition scheint mir Pleonasmus.

2) Das Neue Testament ist z. B. in sehr charakteristischer Weise auf diese Auffassung gegründet.

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setze sind der räumlichen und zeitlichen Entwertung entrückt, aber schon die biologischen Tatsachen sind, wenn man sich die zahllosen Faunen und Floren unzähliger Weltkörper vorstellt, einer partiellen Entwertung ausgesetzt, und vollends scheinen die einzelnen historischen Tatsachen duroh keine Tragweite vor einer schließlichen völligen Entwertung geschützt. Das zweite Merkmal erweist sich zwar praktisch für eine bestimmte Zeitepoche und Weltgegend als ausreichend, aber theoretisch versagt es vollständig, sofern es einen allgemeingültigen(1) Wert irgendwelcher historischen Individuen beweisen soll. Man wird daher zu der Frage gedrängt, ob nicht die geschichtlichen Vorgänge überhaupt etwas anderes sind als gewissermaßen die kürzeren oder längeren Familiengeschichten jeweils aussterbender Sippen.

So gelangt man zur dritten Auffassung. Nach dieser sind solche Personen, Zustände und Ereignisse Gegenstand der historischen Wissenschaft, die eine Beziehung auf  allgemein anerkannte Werte  haben. Sehr häufig spricht man auch von "Kulturwerten" statt von allgemein anerkannten Werten. An Stelle der einfachen historischen Wirksamkeit wird also die "Wertwirksamkeit" (Rickert) gesetzt. Bei der Kritik dieser namentlich auf Windelband(2) zurückgehenden Auffassung kann an dieser Stelle die Frage nach der besonderen Wirklichkeit, die den Werten zukommt ("Geltung" an Stelle von "Tatsächlichkeit"), ganz unerörtert bleiben. Es soll lediglich untersucht werden, ob mit der Beziehung auf allgemein anerkannte Werte oder Kulturwerte der Gegenstand der Geschichtswissenschaft klar und richtig charakterisiert ist. Zu diesem Zweck fragen wir vor allem, was mit diesen allgemein anerkannten Werten bezw. diesen Kulturwerten gemeint ist. Dabei erweist sich die allgemeine Anerkennung sofort als ein ganz unzureichendes Kriterium. Atmen, Essen, Trinken, geschlechtliche Fortpflanzung haben einen allgemein anerkannten Wert, sind aber als solche nicht Gegenstand der Geschichtswissenschaft. Wir wenden uns also sofort zu der korrekteren Formulierung der dritten Auffassung und fragen, ob die Beziehung äuf Kulturwerte den Gegenstand der Geschiche genügend charakterisiert. Nun ist der Begriff der Kultur bekanntlich sehr verschieden definiert worden. Ich greife hier beispielsweise nur die Rickertsche heraus. Nach dieser ist unter Kultur zu verstehen: "die Gesamtheit der Objekte, an denen allgemein anerkannte


1) Vgl. Logik S. 272.

2) In seiner nachgelassenen Kriegsvorlesung (Kantstud. Erg. Heft No. 38. S. 39) verlangt W. von dem historischen Geschehen, daß "es in seiner Besonderheit irgendwie für den Menschen überhaupt, für die Gattung von Bedeutung" sei, daß es "für ein übergeordnetes Ganzes in der menschlichen Gemeinschaft Bedeutung" besitze. Für W. ist also die "Wertbeziehung auf eine menschliche Gemeinschaft" das Entscheidende. Die Kulturbeziehung wird von ihm nicht so scharf betont wie die allgemeine "Beziehung auf die Gattung und ihre Entwicklung".

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Werte haften, und die mit Rücksicht auf diese Werte gepflegt werden"(1). Bemerkenswert ist an dieser Definition, daß trotz aller Versicherungen, die Werte seien unabhängig von den psychischen Vorgängen der wertenden Subjekte, doch die allgemeine Anerkennung in die Definition mit aufgenommen wird. Damit erhebt sich doch wieder die Frage, ob wirklich alle allgemein anerkannten Werte Kulturwerte sind. Oder soll neben der allgemeinen Anerkennung das reichlich unbestiminte Merkmal des "Gepflegtwerdens" in letzter Linie den Kulturcharakter bedingen? Und gibt es nicht auch Werte, z. B. solche, die zu unserer täglichen Nahrungsaufnahme in Beziehung stehen, die "gepflegt" werden und doch nicht Gegenstand der Geschichtswissenschaft sind? Wenn ich Obst in meinem Garten ziehe, so ist das gewiß ein Handeln, das zu allgemein anerkannten Werten in Beziehung steht: an den Obstbäumen haften allgemein anerkannte Werte, und die Obstbäume werden deshalb von mir und anderen "gepflegt". Darum ist aber doch meine Obstzucht kein Gegenstand der historischen Wissenschaft. Das Selektionsmerkmal der Beziehung auf Kulturwerte versagt ganz und gar. Nicht jede individuelle Kulturhandlung ist eine historische Handlung. "Wertbehaftete Wirklichkeit"(2) und historische Wirklichkeit sind begrifflich nicht von gleichem Umfang. Es hilft auch wenig, wenn man etwa den "sozialen" Charakter noch irgendwie in die Definition einfügt(3). Auch wenn ich gemeinschaftlich mit anderen Obst ziehe oder wenn der Gemeindevorstand eines Dorfes Obstbau treibt, ist eine solche individuelle Kulturhandlung noch keine historische Handlung. Es müssen noch andere, von dem dritten Standpunkt übersehene Umstände hinzukommen, um ihr historischen Charakter zu verleihen.

Neben diesen entscheidenden Einwänden kommen noch manche andere in Betracht, die nur angedeutet werden sollen. Wenn die "allgemeine Anerkennung" entscheidend ist, gibt es dann überhaupt allgemein anerkannte Werte? Selbst die ethischen Werte - von den religiösen ganz zu schweigen - erfreuen sich keiner allgemeinen Anerkennung. Soll also etwa ein Majoritätsvotum entscheiden? Und ist diese allgemeine Anerkennung nicht selbst historischen Schwankungen unterworfen, so daß der Gegenstand der Geschichtswissenschaft auch bei der dritten Auffassung seinen schwankenden Charakter nicht los wird und der Entwertungsgefahr ausgesetzt bleibt? Es kann ferner mit guten Gründen bestritten werden, daß die Naturwissenschaft die "Wertbehaftungen" vollständig ignoriert. Sie mißt - freilich in anderem Sinn als viele Geisteswissenschaften bei ihren Wertunterschieden - dem Pigmentfleck eines Protisten


1) Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft, 3. Aufl. Tübingen 1915, S. 28.

2) Rickert, System der Philosophie, Tübingen 1921, Teil 1. S. 321.

3) Rickert, Kultur- u. Naturwiss. S. 21. Hier tritt auch die allgemeine Anerkennung merkwürdig verklausuliert auf, vgl. auch ibid. S. 107. Anderseits wird S. 149 von "allgemeinen Werten oder Kulturwerten" gesprochen.

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einen niedrigeren Wert als dem Auge des Menschen, der ungeordneten Wärmebewegung einen niedrigeren als der geordneten Wellenbewegung bei, sie spricht von re- und progressiver, von entropischer und ektropischer(1) Entwicklung usf. Der Unterschied ist nur der, daß die Geschichtswissenschaft sich bei der Auswahl ihres Gegenstandes von Wertunterschieden leiten läßt, während die Naturwissenschaft meistens (!) eine solche Auswahl nicht trifft, sondern sich von anderen Momenten (Allgemeinheitscharakter s. oben, Differenzierung s. unten) bei ihrer Arbeitsauswahl leiten läßt. Ebenso läßt sich der behauptete generelle Charakter aller naturwissenschaftlichen Erkenntnis angesichts vieler geologischer, geographischer und astronomischer Erkenntnisse nur mit Hilfe vergewaltigender Umdeutungen festhalten.

Es hilft endlich der dritten Auffassung auch nichts, wenn sie auf jede allgemeine Definition der historischen Werte verzichtet und sich begnügt, bestimmte historische Werte, also beispielsweise ethische, religiöse, ästhetische, alethische (wissenschaftliche Wahrheiten betreffende) empirische aufzuzählen. Ganz analoge Einwände stellen sich auch solchen Versuchen gegenüber ein. Nicht jede ethische, religiöse usf. Handlung eines Einzelnen oder auch einer Gemeinschaft ist Gegenstand der Geschichte; das Kriterium bleibt also unzureichend. Außerdem erweisen sich alle solche Aufzählungen als unvollständig. Insbesondere wird die Beschränkung auf ethische, religiöse, ästhetische und alethische Werte z. B. der politischen Geschichte durchaus nicht gerecht.

Beiläufig sei noch bemerkt, daß mit diesen Einwänden erst recht alle diejenigen Auffassungen zusammenbrechen, die der Geschichtswissenschaft nicht nur "wertbehaftete" Objekte zuschreiben, sondern ihr sogar die Aufgabe der Wertung der Objekte stellen. Hierher gehören z. B. die bekannten einseitig ethisch-pädagogischen Auffassungen der Geschichtswissenschaft.

Eine vierte Auffassung, die als pragmatistische oder perspektivistische (Nietzsche) bezeichnet werden kann, zieht aus dem Scheitern der drei ersten Auffassungen den Schluß, daß die Geschichtswissenschaft sich eben mit dem Schwanken und Wechsel ihrer Gegenstände abfinden muß und nur der Nutzen für das jeweilige Leben bzw. Handeln als Maßstab in Betracht kommt. Die Auswahl unter den individuellen Personen und Vorgängen müßte also von der Geschichtswissenschaft in der Weise getroffen werden, daß nur dasjenige erforscht wird, dessen Erkenntnis biologisch bezw. praktisch nützlich ist oder wenigstens Nutzen in Aussicht stellt. Schon bei Thukydides ist bekanntlich dieser Standpunkt mit vertreten. Die allgemeine Unhaltbarkeit eines solchen Pragmatismus ist hier nicht auseinanderzusetzen, es muß genügen darauf hinzuweisen,


1) Vgl. F. Auerbach, Ektropismus, Lpz. 1910. Vielen anderen Gedanken dieser anregenden Schrift kann ich allerdings nicht beitreten.

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daß die Geisteswissenschaft, wie sie tatsächlich bestanden hat und besteht, ein solches Utilitätsprinzip durchaus nicht anerkennt und auch zahlreiche Tatsachen zu erkennen versucht, von denen sich mit allergrößter Bestimmtheit sagen läßt, daß sie niemals aktuelle Nützlichkeitsbedeutung bekommen werden.

Bei dieser Sachlage scheint mir der einzige Ausweg, der gestattet ein wertbegründendes Prinzip der Auswahl unter dem Individuellen für die Geschichte aufzustellen, in einer fünften Auffassung gegeben, welche in der fortschreitenden Differenzierung den Maßstab der historischen Bedeutung erblickt. Auch in der Naturwissenschaft spielt dieser Maßstab eine Rolle, er tritt aber hier gegenüber dem Maßstab der Generalisation zurück. Man kann sich von dem Antagonismus dieer beiden Maßstäbe in der Naturwissenschaft leicht eine Vorstellung machen, wenn man z. B. die Erkenntnis des Wasserstoffmoleküls mit derjenigen des Eiweißmoleküls vergleicht. Vom Standpunkt der Generalisation ist erstre unendlich viel wertvoller, da der Wasserstoff im Sinn der wieder aufgenommenen Hypothese von Prout und Lockyer als allgemeiner Baustein aller chemisohen Elemente zu betrachten ist; hingegen ist vom Standpunkt der Differenzierung ein Eiweiß- oder Alkaloidmolekül für uns viel interessanter. Noch deutlicher wird dieser Antagonismus, wenn man sich zum Organischen wendet und beispielsweise einen einzelligen Protisten mit dem aus zahllosen Milliarden Zellen zusammengesetzten menschlichen Körper vergleicht. Bei der Geschichte kehrt sich der Sachverhalt um: der generelle Charakter der Erkenntnisgegenstände tritt gegenüber der Differenzierung zurück. Der Hyperorganismus (Waxweiler) der menschlichen Gesellschaft wird vorzugsweise wegen seiner fortschreitenden Differenzierung Gegenstand der wissenschaftlichen Erkenntnis. Statt von Differenzierung kann man auch von zunehmender differentieller "Komplexion" sprechen. Auf den Begriff der "Entwicklung", mit dem sich die dritte Ansicht nur äußerst schwer abfinden konnte, braucht hier nur hingewiesen zu werden. Jedenfalls ist klar, daß eine solche Differenzierung ihren letzten und höchsten Grad nur im Individuellen erreichen kann. Freilich darf man die individuelle Verschiedenheit hier nicht im Sinn einer bloßen Verschiedenheit der Raum-Zeit-Lage, also der räumlich-zeitlichen Individualkoeffizienten, sondern nur im Sinn einer qualitativen Kombination verstehen(1). Hölderlin ist uns beispielsweise gar nicht als Individuum im strengsten logischen Sinn, d. h. wegen seiner Raum- und Zeit-Lage historisch interessant, sondern wegen der qualitativen Kombination seiner Persönlichkeit. Die Einmaligkeit ist demgegenüber geradezu ganz nebensächlich.

Indem also die Geschichte an Stelle der Generalitätsskala oder vielmehr neben die Generalitätsskala eine Differenzierungsskala setzt,


1) Vgl. Logik S. 333, 358, 527. Außerdem verweise ich auf das Kapitel über die verschiedenen Wertskalen in meiner Erkenntnistheorie.

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wählt sie unter den Personen und Ereignissen diejenigen als ihren Gegenstand aus, die zu dieser Differenzierungsskala in irgendeiner Beziehung stehen. Hiermit wird auch sofort verständlich, warum die sozialen Individualgebilde (von der primitiven Horde bis zum kompliziertesten Staat) ein bevorzugter Gegenstand der Geschichte sind. Erstens nehmen an sich die Differenzierungsmöglichkeiten mit der Zusammengesetztheit eines Gebildes zu, und zweitens haben soziale Gebilde, insofern sie unter partieller Abstraktion von den einzelnen Individuen untersucht werden, den Vorzug, daß sie wenigstens teilweise auch der Generalitätsskala Genüge leisten(1). Die Bedeutung einer "Menschheitsgeschichte" tritt damit gleichfalls in klares Licht.

Nun könnte man aber im Sinne eines Einwands die Frage aufwerfen: ist denn jede Differenzierung von Personen, Zuständen und Ereignissen historisch interessant, also Gegenstand der Geschichtswissenschaft? Hat beispielsweise ein vereinzelter Sonderling oder ein einmaliges kompliziertes Zusammentreffen zufälliger Ereignisse irgendwelches historisches Interesse? Darauf ist ohne Zweifel mit Nein zu antworten. Es fehlt in diesen Fällen die fortschreitende Differenzierung. Nicht die Differenzierung als solche gibt einem Gegenstand historische Bedeutung, sondern nur die fortschreitende Differenzierung. Die eigenartige Differenzierung eines Volks, einer Person, eines Vorgangs bekommt historisches Interesse nur im Vergleich zu vorausgegangenen und nachfolgenden Völkern, Personen, Stadien. Eine Geschichte des Gleichbleibenden ist ein Widerspruch. Gäbe es (irreal!) Personen, Kunstwerke, Ereignisse usf., die ohne Beziehung auf Früheres und Späteres auftreten, so wären sie - ungeachtet allen Wertes und auch ungeachtet aller Differenzierung - keine Gegenstände der Geschichte; die Geschichte könnte sie höchstens gewissermaßen annalistisch nach dem Datum ihres Auftretens verzeichnen in der Erwartung, daß sie vielleicht später einmal zu einer fortschreitenden Differenzierung Anlaß geben könnten.

Hiermit erledigt sich auch die Frage, ob auch regressive historische Prozesse Gegenstand der Geschichtswissenschaft sein können. Wegen ihrer Beziehung zu den progressiven Prozessen ist ohne Zweifel bejahend zu antworten.

Auch der Einwand, daß vom Standpunkt der Differenzierung erst recht eine allmähliche Entwertung aller historischen Gegenstände eintreten müsse, ist nicht stichhaltig; denn die Differenzierung ist durchaus ein relativer Begriff. Das Höherdifferenzierte hat nur eine Bedeutung im Vergleich mit dem Wenigerdifferenzierten. Die Erkenntnis des letzteren ist nicht nur zum Verständnis des ersteren erforderlich, sondern das erstere


1) Logisch hängt dies mit der eigentümlichen, noch wenig untersuchten Annäherung der Kollektivbegriffe an die Allgemeinbegriffe bei zunehmender Belegung zusammen.

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wird überhaupt nur durch den Vergleich mit dem letzteren ein wertvoller Erkenntnisgegenstand.

Hieraus erhellt zugleich, daß dasjenige, was in den vorher besprochenen Auffassungen richtig ist, in der jetzt entwickelten enthalten ist. Insbesondere bekommt die Wirkungsweite, soweit sie wirklich bedeutsam ist, ihr Recht. Wir haben nur an Stelle der Wirkungsweite den Differenzierungsabstand gegenüber dem Vergangenen und dem Nachfolgenden zu setzen. Selbst der Wertstandpunkt der dritten Auffassung kann insofern zu einer eingeschränkten Anerkennung kommen, als die Differenzierung selbst einen Wertunterschied involviert. Auch wird niemand bestreiten, daß unter den historischen Differenzierungen die mit der sog. Kultur zusammenhängenden einen hervorragenden oder vielmehr sogar den hervorragendsten Platz einnehmen. Auch der bekannte Standpunkt Pauls, der als das charakteristische Kennzeichen der Kultur und damit auch der Geschichte die überwiegende Betätigung psychischer Faktoren (psyohischer Kräfte) betrachtet, wird nunmehr verständlich. In der Tat behandelt ja die Geschichte keineswegs alle fortschreitenden Differenzierungen, sondern eben nur solche, bei denen wirklich das Psychische sehr erheblich überwiegt. Ohne also etwas von dem zurückzunehmen, was S. 71 über die Trennung von Geschichtswissenschaft und Psychologie gesagt wurde, können wir doch einräumen, daß die historischen Differenzierungen vorzugsweise auf psychischem Gebiet liegen. Das Psychische ist das Differenzierbarste. Die körperlichen Differenzierungen vollziehen sich so langsam, daß sie in den von der Geschichtswissenschaft erforschten Zeiträumen überhaupt keine nennenswerte Rolle spielen. Man könnte sogar einen Augenblick versucht sein, zu behaupten, daß die Geschichtswissenschaft in dieser Beziehung die Fortsetzerin der Lehre von der Phylogenie und Rassenentwicklung sei. Man darf dabei nur nicht aus dem Auge verlieren, daß in der Phylogenie und in der Rassenentwicklung die Differenzierungen vorzugsweise generell sind, während bei den historischen Differenzierungen mehr und mehr die individuellen überwiegen.

So hat sich denn in der Tat ergeben, daß die Geschichte nicht nur, insofern sie auoh Allgemeines erkennt, sondern gerade auch, insofern sie mit einer bestimmten Auswahl Individuelles untersucht und feststellt, Gegenstand einer Wissenschaft ist. Es muß nur noch hinzugefügt werden, daß die Geschichtswissenschaft, wie sie tatsächlich getrieben wird, sich von derjenigen, wie sie von der Geschichtsphilosophie konstruiert wird, in manchen Punkten unterscheidet. Bei der praktisohen Geschichtswissenschaft wird die Auswahl unter dem Individuellen sehr oft auch durch akzessorische Momente mitbestimmt. Das Streben nach Vollständigkeit - vergleichbar etwa demjenigen eines Sammlers - führt uns dazu, manche historische Tatsachen "antiquarisch" anzuhäufen, deren Zugehörigkeit zur Geschichte in geschichtsphilosophischem Sinne äußerst zweifelhaft ist.

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Dazu kommt, daß der Historiker geradezu gezwungen ist, einen Überschuß von Tatsachenmaterial festzustellen, weil er nicht voraussehen kann, ob nicht eine einzelne ganz bedeutungslos scheinende Tatsache doch noch Bedeutung, wie wir eben feststellten, im Sinn fortschreitender Differenzierung bekommt. Auch der Reiz der Schwierigkeit kann den Anlaß geben, eine Frage ausführlich zu behandeln, die streng genommen kein historisches Interesse hat. Sehr oft drängen ferner nicht-historische Zwecke zu einer Feststellung vieler Tatsachen, die für die Geschichtswissenschaft als solche gleichgültig sind. So wird die Literaturgeschichte auch manche Tatsachen im Leben eines Dichters feststellen, die literargeschichtlich im engeren Sinn keine Bedeutung haben, deren Kenntnis aber zum Verständnis dieser oder jener Stelle seines Werks unentbehrlich sind. Auch eine nicht-historische Neugierde und Pietät verlangt in solchen und ähnlichen Fällen manches zu wissen, was außerhalb der geschichtsphilosophischen Grenzen der Geschichte und der Geschichtswissenschaft liegt (viele Einzelheiten der Goethe-Biographien u. dgl. m.).

Vergleicht man schließlich nochmals den Generalitäts- und den Individualitätsstandpunkt im Ganzen, so scheint es nicht angemessen, den einen oder den anderen exklusiv zu proklamieren und beide durchaus zu trennen oder gar in Gegensatz zu bringen. Nicht in derselben, aber doch in einigermaßen ähnlicher Art und Weise wie die Kunst hat auch die Geschichte il generale individuato (Croce) zum Gegenstand, und das Individuelle, das von der Geschichte ausgewählt wird, hat immer zugleich auch die Bedeutung eines Paradigmas eines Allgemeinen.


II. Erkenntniskritik der Geschichtswissenschaft(1).

Mit Spranger u. a. stehe ich der erkenntniskritischen Aufgabe der Geschichtsphilosophie äußerst skeptisch gegenüber. Selbstvenständlich gelten die allgemeinen erkenntniskritischen Sätze auch für die Geschichtswissenschaft, aber es läßt sich nicht absehen, wieso durch die Eigenartigkeit der historischen Erkenntnis abgeänderte oder gar neue erkenntiskritische Momente bedingt werden könnten. Der völlig gescheiterte Versuch Simmels, ein historisches Apriori aufzustellen, kann als abschreckendes Beispiel einer spezifisch historischen Erkenntniskritik gelten. So großes Interesse es auch hat zu untersuchen, welchen Anspruch auf objektive Gültigkeit alle Aussagen über historische Ereignisse der Vergangenheit erheben können, so teilen die historischen Aussagen doch dieses erkenntnikritische Interesse durchaus mit den Aussagen über nicht­historische Ereignisse der Vergangenheit. Von einer besonderen neuen Art der historischen Erkenntnis kann im erkenntniskritischen Sinn nicht


1) Dieser Abschnitt wurde in Anbetracht der knapp bemessenen Zeit nur sehr stark verkürzt vorgetragen.

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gesprochen werden. Ebenso muß ich auch bestreiten, daß etwa neue besondere psychische Tätigkeiten bei dem Forschen des Historikers eine Rolle spielen, und daß gar etwa diese Tätigkeiten uns nötigten, gewagte Hypothesen über historische Intuition, geheimnisvolle spekulative Einheiten u. dgl. aufzustellen. Die eigenartige Begabung des Historikers besteht nur in dem starken Hervortreten bestimmter, auch sonst wohlbekannter psychischer Tätigkeiten, unter denen ich beispielsweise die Treue der Reproduktion einerseits und die einfühlende reproduktive Phantasie anderseits hervorhebe.


III. Beteiligung an der Feststellung der allgemeinsten historischen Erkenntnisse.

Das Recht der Geschichtsphilosophie auf eine solche Beteiligung wurde bereits S. 68 behauptet. Es gründet sich darauf, daß die allgemeinsten Sätze - wie aller Wissenschaften, so auch der Geschichtswissenschaft ­ eine Berücksichtigung der Gesamtheit alles Gegebenen erheischen. Soviel ich sehe, gliedern sich diese allgemeinsten Probleme, bei deren Lösung die Philosophie und zwar speziell die Geschichtsphilosophie zur Mitwirkung berufen ist, für die erste Betrachtung nach zwei Richtungen. Es handelt sich nämlich einerseits um die Ermittlung bestimmter allgemeinster wirksamer Faktoren in der Geschichte und anderseits um die Ermittlung bestimmter allgemeinster historischer Gesetze. Die bis auf G. B. Vico und noch weiter zurückgehende Frage der historischen "Ideen" würde beispielsweise in das erstere, die Frage eines spiralförmigen Verlaufs der historischen Entwicklung im Sinne Carlyle's in das letztere Gebiet gehören.

Vor einer etwas eingehenderen Erörterung dieser geschichtsphilosophischen Probleme muß jedoch ausdrücklich Verwahrung dagegen eingelegt werden, daß man auch die Frage der Gesamteinteilung der Geschichte der Geschichtsphilosophie zuweist. Es ist ja allerdings richtig, daß von Augustin bis Fichte und Comte und selbst bis in die neueste Zeit hinein große und kleine Philosophen sehr oft eine solche Einteilung der Menschengeschichte in Stadien versucht haben. Es ist auch sehr bezeichnend, daß viele dieser Einteilungen das letzte Stadium von dem Auftreten des philosophischen Systems abhängig machten, welches gerade der Schöpfer einer solchen Einteilung aufgestellt hatte (Reich der Vernunftwissenschaft und dann der Vernunftkunst bei Fichte, positive Phase bei Comte usf.). Solche individuelle Komplexionsvorstellungen der Geschichte, die nur den geschichtlichen Verlauf als eine individuelle Tatsachenreihe zu individuellen Einheiten und schließlich zu einer letzten individuellen Einheit zusammenfassen, sind von den Generalvorstellungen, die das Alliemeine aus den individuellen Tatsachen der Geschiohte

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abstrahieren, scharf zu trennen. Es ersoheint mir nun äußerst zweife1haft, ob die Geschichtsphilosophie bei der Bildung solcher Komplexions- und Einteilungsvorstellungen irgendwelche direkte Hilfe leisten kann. Wenn gelegentlich Geschichtsphilosophen bei solchen Zusammenfassungen und Einteilungen wirklich einmal das Richtige getroffen haben, so verdankten sie dies weniger allgemeinen philosophischen Überlegungen als einem besonderen historischen Blick bezw. einer historischen Begabung, die mit dem philosophischen Denken nicht unmittelbar zusammenhängt. Nur wenn solche Komplexionsvorstellungen auf Grund bestimmter Allgemeinvorstellungen vom historischen Geschehen geschaffen wurden und werden, hatten und haben sie einen spezifisch philosophischen Charakter; sie stehen und fallen dann aber mit jenen historischen Allgemeinvorstellungen und haben nicht die Bedeutung eines selbständigen Gebiets innerhalb der Geschichtsphilosophie.

Daher liegt auch die Frage, welchen Verlauf die Geschichte weiter nehmen wird, außerhalb des Bereichs der Geschichtsphilosophie, soweit diese Prognose wiederum nicht von den Allgemeinvorstellungen, welche die Geschichtsphilosophie sich von dem historischen Verlauf gemacht hat oder macht, abhängig ist. "Terrorismus" , "Perfektionismus", "Abderitismus" gehören vor ein anderes Forum als dasjenige der Geschichtsphilosophie. Wer kühn genug ist zu glauben, daß auf Grund des minimal kurzen Auftakts, gewissermaßen des Spiritus lenis oder asper, der uns von der Geschichte bekannt ist, ein endgültiges Urteil über den ganzen und letzten Verlauf der Geschichte abgegeben werden kann, mag dies auf Grund prophetischer Begabung und des spärlichen uns bekannten Geschichtsverlaufs tun, aber er kann sich nicht auf geschichtsphilosophische Erwägungen stützen, es sei denn, daß solche sich aus begründeten geschichtsphilosophischen Allgemeinvorstellungen ergeben. Überdies leuchtet schon jetzt ein, daß für letztere eine Beschränkung auf die Erde und die Gattung Mensch als letztes Entwicklungsglied gar nicht in Betracht kommen kann. Für jede allgemeine geschichtsphilosophische Auffassung wird die Erde nur ein aus einer unendlichen Mannigfaltigkeit herausgegriffener Punkt und der Mensch nur eine an einen bestimmten Zeitraum gebundene Gattung sein, die schließlich auch der Fossilität verfällt. Jenseits des Menschen liegt noch eine weitere unabsehbare Entwicklung.

Als selbständiges Gebiet der Geschichtsphilosophie in ihrem dritten Teil - darauf komme ioh nun zurück - kommt also nur, kurz ausgedrückt, die Frage der allgemeinen historischen Faktoren und die Frage der allgemeinen historischen Gesetze in Betracht. Beide hängen offenbar untrennbar zusammen. Sie gipfeln in dem Problem, ob der historische Verlauf ausschließlich Kausalgesetzen folgt oder nicht. Der Streit "nur Kausalität oder Kausalität und Finalität" kehrt in ganz analoger Form wie auf biologischem Gebiet (Vitalismusfrage), nur durch das Hinzutreten

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der psychischen Vorgänge verschärft und kompliziert wieder. Den logischen Unterschied der beiden Auffassungen habe ich kürzlich an anderer Stelle auseinandergesetzt(1). Mit den üblichen deklamatorischen Protesten der Kausalisten gegen den Mystizismus der Finalisten und den ebenso deklamatorischen Protesten der Finalisten gegen die grobe assoziationspsychologische Mechanistik der Kausalisten ist natürlich gar nichts geleistet. Man sollte uns endlich beiderseits mit solchem Gerede verschonen. Statt dessen verlangen wir von beiden Parteien vor allem eine klare begriffliche Darstellung ihrer Behauptungen und eine klare erkenntnistheoretische oder bezw. und empirische Begründung. Was die Kausalisten gesündigt haben durch gröbste Unterschätzung der enormen Komplikationen des individuellen historischen Geschehens, haben die meisten Finalisten reichlich wettgemacht durch allerhand wohlgemeinte, aber sehr unklare Phantasien über höhere Geisteswelten u. dgl. m.

Sicher steht fest, daß die Lösung nur mit Hilfe der Philosophie, also auf geschichtsphilosophischem Wege möglich ist. Die Frage "nur Kausalität oder auch Finalität?" ist nicht eine bloß historische. Anderseits kann sie sicher auch nicht etwa ohne Berücksichtigung der Geschichte, z. B. nur auf Grund rein naturwissenschaftlicher Tatsachen beantwortet werden. Kurz gesagt: die Erkenntnistheorie im weiteren Sinne hat hier das Wort, und ich darf nahe am Schluß dieses Vortrags noch angeben, wie ich mir die Lösung dieses letzten geschichtsphilosophischen Problems denke und zwar vom Standpunkt meiner eigenen Erkenntnistheorie. Diese bestreitet die Richtigkeit der üblichen dualistischen Unterscheidung von Materiellem und Psychischem und erkennt nur zwei Gesetzmäßigkeiten an, die Kausalgesetzmäßigkeit und die Parallelgesetzmäßigkeit. Die letztere betrifft beispielsweise die Zuordnung einer bestimmten Farbenqualität zu einem bestimmten physiologischen (materiellen) Erregungsprozeß(2) und daher auch zu einem bestimmten physikalischen Reiz (Reduktionsbestandteil). Alles Gegebene läßt sich demgemäß in eine Kausal- und Parallelkomponente zerlegen. Das Hinzutreten der Parallelkomponente ist zugleich mit einer Individualisation identisch(3). Es ist nun charakteristisoh, daß die Kausalgesetze unverändert bleiben, soweit auch die Differenzierung fortschreiten mag. Das komplizierte Eiweißmolekül folgt denselben chemisch-physikalischen Gesetzen wie das einfache Wasserstoffatom. Im kompliziertesten lebenden Organismus herrscht keine andere Physik und Chemie als in der anorganischen Welt. Wir können sogar sagen, daß die Physik und Chemie mit Erfolg beschäftigt ist, selbst die kompliziertesten Vorgänge der Eiweißmoleküle usf. letzten


1) Deutsche med. Woohenschr. 1922, No. 37.

2) Nur zur Abkürzung brauche ich hier und im Folgenden öfters diese inadäquaten Ausdrücke.

3) Vgl. Erkenntnistheorie. Jena 1913, S. 62.

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Endes auf dieselben Vorgänge zurückzuführen, die in dem einfachen Wasserstoffmolekül stattfinden(1), oder - anders ausgedrückt - alles Qualitative auf Quantitatives (Extensives und Intensives) zurückzuführen. Ganz anders die Parallelgesetze. Mit dem Zeitpunkt, wo zum ersten Male Pigmentflecke als primitive Sehorgane bei einem Protisten auftraten und den Zersetzungsprozessen in diesen Pigmentflecken die Empfindungsqualitäten, die wir als Helligkeit bezeichnen, als Parallelwirkungen entsprachen, trat eine neue Gesetzmäßigkeit in Erscheinung, zunächst nur in einzelnen Individuen und dann schließlich in Arten und Gattungen, deren tatsächliche Individuenzahl unabsehbar ist. Und diese Entwicklung hat sich ununterbrochen fortgesetzt. Mit jeder neuen Farbenqualität, mit jeder neuen Tonhöhe war ein neues spezifisches Gesetz (Parallelgesetz) gegeben. Während in der Kausalreihe überall und stets dieselben Elemente und dieselben Gesetze nur quantitativ variierend vorliegen, die Entwicklung sich auf das Auftreten neuer Elemente und Gesetzkombinationen beschränkt, zeigen die Parallelgesetze eine fortlaufende(2) Neuproduktion von Elementen und Gesetzen, also eine im strengsten Sinn "epigenetische" Entwicklung. Die Farbenqualität "rot" ist keine Neukombination anderer gewissermaßen älterer Elemente, sondern ein neues einfaches Element. Man kann geradezu der kausalen Entwicklung als der "kombinierenden" die Parallelentwicklung als die "kreative" (schöpferische) gegenüberstellen. Es ist auch klar, daß nur letztere das Individuum bezw. das Individuelle ungleich höhere Bedeutung hat. In der Kausalentwicklung ist eben nur eine neue Elemente­ und Gesetzkombination zunächst an Individuen und dann an Gattungen gebunden, in der Parallelentwicklung das neue Element und das neue Gesetz selbst.

Auch alle Gefühlsbetonungen gehören zu diesen Parallelkomponenten, und daher kommt ihnen dieselbe epigenetische kreative Entwicklung zu. Wer beispielsweise die Entwicklung der musikalischen Lustbetonungen verfolgt, wie sie mit homophonen Melodien begonnen hat, dann Oktave, Quinte usf., im Mittelalter die große Terz (Durterz), später die kleine Terz (Mollterz), den Septimen- und Nonenakkord usf. einbezogen und einem jeden Akkord eine ganz besondere qualitative Nuance der Gefühlsbetonung verliehen hat(3), kann m. E. an dem behaupteten epigenetischen Charakter nicht zweifeln. Von einer analogen "Entwicklung" der Gesetze des Schalls oder auch der physiologischen Gesetze der Sinnesorgane und des Nervensystems kann auch hier keine Rede sein. Die fortgeschrittene Differenzierung des Cortischen Organs und der Hörsphäre ist erfolgt, ohne


1) Ich erinnere wiederum an die Rückkehr zur Proutschen Hypothese.

2) Das schließt natürlich nicht aus, daß das Stadium dieser Neuproduktion etwa auf verschiedenen Weltkörpern verschieden ist.

3)  Am besten macht sie sich der Laie an der Auflösung des Nonenakkords klar.

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daß ein einziges neues physikalisch-chemisches Gesetz in Kraft trat.

Es liegt nun äußerst nahe, von einem solchen erkenntnistheoretischen Standpunkt aus anzunehmen, daß diese epigenetische Entwicklung nicht bei den Empfindungsqualitäten (ν-Komponenten meiner Terminologie), bei den einfachen sensoriellen Gefühlstönen und bei den allgemeinen Denkfunktionen (υ-Komponenten) stehen geblieben und abgebrochen ist, sondern daß sich an sie eine spezielle historische Entwicklung unmittelbar und stetig anschließt. Prinzipiell trägt letztere alle Merkmale der Parallelentwicklung; nur steigert sich die Spezialisierung und Kompliziertheit, der kreative Charakter, die Beteiligung der Gefühlsbetonungen an den Differenzierungen und die Dominanz des Individuellen und Sozialen ganz außerordentlich. Statt eine schließlich doch etwas merkwürdige künstliche Kluft anzunehmen, die zwischen der prähistorischen und der historischen Entwicklung gelegen wäre, und am Ende der ersteren eine "höhere Geisteswelt" mit einem Salto mortale einzuführen, betrachte ich die immer wieder betonte, in der Tat unbestreitbare Eigenartigkeit der Geschichte doch nur als kontinuterlich hervorgegangen aus jener weniger eigenartigen soeben geschilderten phylogenetischen Parallelentwicklung. Es läßt sich auch leicht nachweisen, daß Gemeinschaftsbeziehungen (soziale Beziehungen) bei dieser historischen epigenetischen Entwicklung eine unendlich viel größere Bedeutung bekommen mußten.

Es gehört nicht hierher, klarzulegen, wie dieser epigenetische kreative Charakter der Parallelgesetze sich notwendig aus dem allgemeinen erkenntnistheoretischen Charakter der letzteren ergibt(1). Dagegen sei ausdrücklich noch darauf hingewiesen, daß die historische wie jede andere Parallelentwicklung, wie auch ihr Name besagt, die Kausalentwicklung oder Kausaldifferenzierung zur Voraussetzung hat. Hätte sich im Weltall der kosmische Nebel nie verdichtet oder wären alle Weltkörper in feuerflüssigem Zustand verblieben, so wäre von einer historischen Entwicklung keine Rede gewesen. Man darf nur nicht diese unbestreitbare Beziehung in naivster Weise dahin umdeuten, daß "materielle" Ganglienzellen usf. "Träger" oder "Parallelsubstrate" psychischer Vorgänge seien. Damit verfällt man wieder in die gröbsten materialistischen oder dualistischen Dogmen. Sondern es bleibt dabei, daß die Reduktionsbestandteile (Grundbestandteile) des Gegebenen absolut neutral d. h. weder materiell noch psychisch sind und nur einer doppelten Gesetzmäßigkeit unterliegen.

Auch unsere Frage, ob "nur Kausalität" oder "auch Finalität", erscheint damit ganz allgemein und speziell auch mit Bezug auf die Geschichte in wesentlich anderem Lichte. Wir können jetzt sagen, daß die Kausalgesetze selbst so beschaffen sind, daß sie neben Entdifferenzierungen (Nivellierungen) auch zunehmende Differenzierungen hervorbringen


1) Erkenntnistheorie § 53ff.

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müssen(1), denen auf parallelgesetzlichem Gebiet epigenetische Neuproduktionen, teils phylogenetische, teils - im Rahmen der phylogenetischen - historische entsprechen. In dieser Differenzierungsmöglichkeit, die sich allenthalben neben den Nivellierungsprozessen verwirklicht, liegt das finale Moment, das auch vom Kausalisten anerkannt werden kann. Der Fortschritt von den ungeordneten molekularen Wärmebewegungen zu den geordneten Wellenbewegungen der strahlenden Wärme, des Lichts und der Elektrizität in einem hypothetischen Äther, die Differenzierung der Wasserstoffmoleküle zu weit über 1000 Atome enthaltenden organischen Molekülen, die Differenzierung der letzteren zu lebenden Organismen, die weitere Differenzierung dieser Organismen vorläufig bis zum Menschen hinauf und das Hinzutreten immer neuer, differenzierterer psychischer Vorgänge zu den physiologischen und schließlich die höchste uns bekannte Differenzierung der menschlichen Vorgänge in der Geschichte, speziell auch in der Kulturgeschichte stellt sich damit unbeschadet der extremen Verschiedenheit der Endglieder doch als ein einheitlicher und zusammenhängender Prozeß dar, in dem nur menschliche Kurzsichtigkeit scharfe Einschnitte zu machen versucht hat und versucht.

An das Problem der Kausalität und Finalität schließen sioh noch zahlreiche andere allgemeinste historische Erkenntnisprobleme an, die gleichfalls eine geschichtsphilosophische Behandlung verlangen. An anderer Stelle gehe ich auch auf diese ausführlich ein. Hier mag es genügen, an einem Grundproblem gezeigt zu haben, wie ich mir die Beteiligung der Geschichtsphilosophie an der Lösung solcher Probleme denke.

Ich glaube damit den Aufgabenkreis der Geschichtsphilosophie im Wesentlichen erschöpft und ihren Begriff vollständig bestimmt zu haben. Von den Aufgaben, die man vielleicht vermissen könnte, will ioh wegen ihrer prinzipiellen Bedeutung nur eine noch kurz erwähnen, nämlich die Frage der Utopien und Uchronien (Renouvier). Man könnte den Standpunkt vertreten, daß die Aufstellung des Ideals einer menschlichen Gesellschaft oder eines Staates nur auf Grund philosophischer Überlegungen erfolgen könne und daher Aufgabe der Geschichtsphilosophie sei. Demgegenüber ist festzustellen, daß dies Problem mit der Geschichtsphilosophie in dem engeren Sinn, den wir festgestellt haben, direkt nichts zu tun hat. Für uns ist nicht schlechthin jede Anwendung philosophischer Methoden oder philosophischer Erkenntnisse auf die Geschichte Geschichtsphilosophie. Wie wir die auf die Geschichte angewandte Psychologie von der Geschichtsphilosophie ausgeschlossen haben, so lassen wir auch die auf die Geschichte angewandte Ethik(2) nicht als Geschichtsphilosophie gelten. Bei der Frage der Utopien und Uchronien handelt es


1) Mit Wundts Umkehrung der Kausalität in Teleologie hat dies nichts zu tun (Syst. d. Philosophie 3. Aufl. Lpz. 1907 Bd. 1, S. 309ff.).

2) Ethik sei hier im weitesten Sinn verstanden.

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sich offenbar im Wesentlichen um eine solche angewandte Ethik: wir wollen auf Grund allgemeiner ethischer Erkenntnisse einen Idealverlauf der Geschichte aufstellen, wie er hätte erfolgen sollen oder wenigstens künftig einmal erfolgen sollte. Die Utopien und Uchronien gehören also, soweit sie überhaupt wissenschaftlichen Charakter haben, in das Gebiet der Sozialethik, nicht in das Gebiet der Geschichtsphilosophie.

Aus dem beschränkten Begriff der Geschichtsphilosophie, wie er nunmehr abgeschlossen vorliegt, ergeben sich auch unmittelbar ihre Methoden. Wenn ich es mir auch versagen muß, heute auch auf diese näher einzugehen, so möchte ich doch eines auf Grund der vorangehenden Entwicklungen und auf Grund der bisherigen Ergebnisse der geschichtsphilosophischen Literatur zum Schluß feststellen: die Geschichtsphilosophie bedarf zu ihrer wissenschaftlichen Weiterentwicklung keiner schillernden Phrasen mit und ohne Esprit, ebensowenig auch irgendwelcher Aprioritäten und transzendenter Hypothesen von einem Weltgeist, der sich zum Bewußtsein seiner Freiheit entwickelt, oder einem überindividuellen Ich, ja nicht einmal der Hypothese irgendwelcher absoluten Werte, sondern einer schlichten, durchaus immanenten erkenntnistheoretischen Untersuchung unter fortlaufender Kontrolle von seiten der Geschichte selbst und von seiten der Geschichtswissenschaft.

© 2006 August Herbst
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