August Herbst - Theodor Ziehen

Das Leib-Seele-Problem

von Th. Ziehen in Halle

Deutsche Medizinische Wochenschrift, 1924 Nr. 38, (Sonderabdruck aus dem Nachlass mit eigener Paginierung)


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Wenn man die medizinische Literatur des 18. Jahrhunderts etwas genauer durchforscht, ist man erstaunt, wieviel Schriften die Beziehung zwischen Leib und Seele, das "commercium animae cum corpore" behandeln, und zwar nicht selten in gründlicher und geistreicher Weise, wenn auch meistens ohne erkenntnistheoretische Vertiefung. Im 19. Jahrhundert nimmt der Prozentsatz solcher Abhandlungen äußerst stark ab. Die kritizistische Wendung, welche die Erkenntnistheorie seit  Kant  genommen hat, gestattet nicht mehr, im Sinn des naiven Realismus das Materielle und das Psychische, Leib und Seele schlechthin, ohne vorausgehende kritische Untersuchung, als das gegebene Wirkliche anzusehen, und schränkt dadurch die dilettantische Beschäftigung mit philosophischen Problemen ein. Zugleich absorbiert die Fülle der neuen spezifisch ärztlichen Probleme, der anatomischen, physiologischen, klinischen, die Interessen der Aerzte und gerade der klügsten Köpfe so vollständig, daß mit anderen philosophischen Problemen auch das Leib-Seele-Problem aus der Mode kommt. Dabei verliert es durchaus nicht an Bedeutung, weder an allgemein menschlicher noch auch an speziell philosophischer; nur für die ärztliche  Praxis  tritt es in den Hintergrund. In den letzten beiden Jahrzehnten scheint sich wieder ein Umschwung zu vollziehen. Der Arzt fühlt sich wieder öfter als ein Glied der Gesamtwissenschaft, die nun einmal in der Philosophie ihren Mittelpunkt hat. Vielleicht kann man auch die Tatsache, daß für die allgemeine Sitzung der Naturforscherversammlung gerade das Leib-Seele-Problem als ein Thema gewählt worden ist, als Zeichen eines solchen Umschwungs betrachten. Es mögen daher auch an dieser Stelle einige Bemerkungen hierzu gestattet sein.

Ganz unzulässig wäre es und gleichbedeutend mit einem Rückfall in das 18. Jahrhundert, wenn man den Gegensatz "Leib-Seele" oder "materiell-psychisch" ungeprüft akzeptieren und der Erörterung zugrundelegen wollte. Wir haben uns vielmehr zuerst zu fragen, was dieser Gegensatz bedeutet, bzw. ob dieser Gegensatz überhaupt eine klare Bedeutung hat. Der Hinweis auf das naive Erleben, etwa darauf, daß jeder wisse, was mit dem Gegensatz gemeint sei, genügt in diesem Falle ganz und gar nicht. Wir  erleben  überhaupt nur psychische Prozesse; das Materielle wird nicht erlebt, sondern nur aus Erlebnissen erschlossen. Wenn nun der naive Mensch und oft genug auch die Wissenschaft diesem einzigen, was wir erleben, dem Psychischen, etwas anderes, das Materielle, gegenüberstellt, so muß klar und deutlich gesagt werden, was unter diesem Materiellen verstanden werden soll; der einfache Hinweis auf das Erleben versagt ganz und gar. Das sind keine erkenntnistheoretischen Spitzfindigkeiten, sondern hier handelt es sich um eine fundamentale wissenschaftliche Tatsache.

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In der Tat haben denn auch Philosophen und Naturforscher immer wieder versucht, Unterscheidungsmerkmale für das Psychische und das Materielle anzugeben. Man fühlte, daß ohne Erledigung dieser Vorfrage jede Diskussion des Leib-Seele-Problems - Existenz des Materiellen, Konstitution der "Materie" im erkenntnistheoretischen Sinn, Beziehung des Materiellen zum Psychischen und eventuell zu einer "Seele" - leeres Gerede bleiben müsse. Die Untersuchung der im Lauf der Jahrhunderte bis heute angegebenen Unterscheidungsmerkmale führt zu einem, wie sich alsbald ergeben wird, äußerst merkwürdigen und bedeutsamen Ergebnis. Ich zähle die in Betracht zu ziehenden Merkmale kurz einzeln auf.

Als  erstes  Merkmal ist die  Räumlichkeit  zu nennen, die nur dem Materiellen zukommen, dem Psychischen völlig fehlen soll. Schon im Timaeus des  Plato  spielt die χωρα (Raum) eine eigentümliche Rolle. In der neueren Philosophie wird allenthalben die extensio (Ausdehnung) als das Merkmal der Körper aufgestellt. Bei  Descartes  wie bei  Spinoza  steht die extensio der cogitatio gegenüber, und ausdrücklich wird festgestellt, daß mit dem Wort cogitatio nicht etwa nur das Denken, sondern die Gesamtheit aller psychischen Prozesse gemeint sei. Auch in der neuesten Philosophie ist dieselbe Auffassung noch äußerst verbreitet, und zwar gerade auch bei Naturforschern und naturwissenschaftlich gerichteten Philosophen. So erklärt  A. Bain : die Welt der Objekte, d. h. der Körper (object-world) sei circumscribed by one property, extension, und die andere, d. h. die Welt des Psychischen, by a single fact, negatively(1) the absence of extension. In der Tat ist das Merkmal auf den ersten Anblick sehr bestechend. Einer etwas gründlicheren Prüfung hält es nicht stand. Es ist nämlich unzweifelhaft, daß vielen psychischen Prozessen ebenfalls Räumlichkeit zukommt. Vor allem gehören hierher sämtliche Empfindungen. Meine Gesichts-, Gehörs-, Berührungsempfindungen haben eine mehr oder weniger bestimmte  Lokalisation.  Ich kann in meinem Gesichtsfeld - auch rein im Sinn eines Empfindungskomplexes - ein Oben und Unten, ein Links und Rechts, ein Lang und Kurz unterscheiden. Selbstverständlich wird zugegeben, daß diese räumliche Beschaffenheit der Empfindungen von der der Materie zugeschriebenen erheblich verschieden ist, aber es bleibt eine räumliche Beschaffenheit, die Empfindungen haben eine "Lokalität", und diejenigen, die in der Räumlichkeit das unterscheidende Merkmal des Materiellen gefunden zu haben behaupten, haben die Verpflichtung, uns anzugeben, wodurch die Räumlichkeit des Materiellen gegenüber der Räumlichkeit des Psychischen charakterisiert ist. Die Räumlichkeit allein genügt nicht. Die Vertreter der Extensiolehre sind uns auf diese weitere Frage jede befriedigende Antwort schuldig geblieben.

Gewissermaßen ein Korollar zu dem ersten Merkmal liefert der Satz, daß das Materielle durch Bewegung charakterisiert sei (2). So einleuchtend dies zunächst scheint, reicht es doch ebensowenig aus. Offenbar ist die Bewegung demselben Einwand ausgesetzt wie die Ausdehnung. Wenn ich die Baumwipfel im Sturm sich neigen sehe, vollziehen sich örtliche Veränderungen in meinen Gesichtsempfindungen, die in einem bestimmten Sinn gleichfalls als Bewegungen bezeichnet werden können. Es ist sogar klar, daß letzten Endes erst aus solchen Ortsveränderungen meiner Empfindungen die sog. materiellen Bewegungen erschlossen sind. Auch hier genügt das Kriterium so, wie es uns angegeben wird, nicht.

Als  zweites  Merkmal wäre die angebliche  Zusammengesetztheit  und  Teilbarkeit  des MaterielIen gegenüber der Einfachheit und Unteilbarkeit des Psychischen anzuführen. Es ist klar, daß dies Merkmal höchstens gegenüber einer hypothetischen sub-


1) Schon diese lediglich negative Charakteristik (sogen. abscissio infinita) ist logisch wie erkenntnistheoretisch höchst verdächtig.

2) Avicenna: res, quae commiscentur motui.

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stantiellen Seele im Sinn der spekulativen (rationalen) Psychologie in Betracht kommen könnte. Die psychischen Prozesse als solche sind ganz ähnlich zusammengesetzt und teilbar wie die materiellen. Infolge der offensichtlichen Unzulänglichkeit dieses Merkmals hat man es, daher weiterhin oft in dem Sinn modifiziert, daß man dem Psychischen zwar nicht Einfachheit, aber  Einheitlichkeit  zuschrieb und diese dem Materiellen absprach. Indes auch diese Formulierung scheitert. Die Einheitlichkeit des Psychischen wird zugegeben, aber sie fehlt auch dem Materiellen durchaus nicht vollständig. Ein Atom, ein Molekül, ein Planetensystem, ein organischer Körper haben gleichfalls eine Einheitlichkeit, und es wird zwar wiederum zugestanden, daß diese Einheitlichkeit von der Einheitlichkeit meines Gesichtsfelds oder eines. Gedankens verschieden ist, aber unbedingt verlangt daß diese Verschiedenheit klar bezeichnet wird. Ohne solche Angaben ist auch das Merkmal der Einheitlichkeit unbrauchbar.

Ein  drittes  Merkmal soll im  quantitativen  Charakter des Materiellen und im  qualitativen  des Psychischen bestehen. Im Zusammenhang mit dieser Behauptung wird dem Materiellen  Meßbarkeit  zugesprochen, dem Psychischen abgesprochen. Nun ist zwar richtig, daß die moderne Physik und Chemie mehr und mehr dazu gelangt ist, alle qualitativen Verschiedenheiten zu eliminieren, d. h. auf quantitative zurückzuführen, also beispielsweise im Sinn der sog. Proutschen Annahme die qualitativen Verschiedenheiten der chemischen Elemente wenigstens hypothetisch aus der verschiedenartigen Zusammensetzung aus einem einzigen Element, dem Wasserstoff, herzuleiten, aber anderseits ist es nicht zulässig, dem Psychischen die Quantität völlig abzusprechen. Die Intensität und die Extensität unsrer Empfindungen ist, wie z. B. das Webersche Gesetz zeigt, keineswegs - sit venia verbo - unquantitativ und unmeßbar, nur sind die quantitativen Verhältnisse des Psychischen wiederum wesensverschieden von denjenigen des Materiellen, und auf die Frage nach dieser Wesens verschiedenheit bleiben uns wiederum die Vertreter der absoluten Verschiedenheit des Materiellen und Psychischen die Antwort schuldig.

Sehr oft glaubt man sich auch sehr einfach mit folgendem  vierten  Merkmal helfen zu können: Man sagt, das Materielle sei der "äußeren" Wahrnehmung oder der Wahrnehmung durch Sinnesorgane, das Psychische nur der  inneren  Wahrnehmung, der Selbstwahrnehmung oder, wie man früher sagte, dem "inneren Sinn", d. h. nur einer Wahrnehmung ohne Sinnesorgane zugänglich. Auch diese Definition des Materiellen und Psychischen können wir nicht gelten lassen. Zunächst gibt sie uns gar keine Definition des Materiellen und Psychischen selbst, sondern verweist uns nur auf die kausal beteiligten Organe. Eine solche Definitionsweise ist bei diesen letzten erkenntnistheoretischen Fragen nicht erlaubt. Der Schall soll gewissermaßen durch das Ohr definiert werden. Aber selbst, wenn wir über diesen Mangel hinwegsehen wollten, bleibt ein unwiderlegbarer Einwand: Auch bei manchen psychischen Prozessen, so bei den Empfindungen, sind die Sinnesorgane beteiligt, allerdings in anderer Weise als bei den materiellen Prozessen, aber über diese andere Weise schweigen sich jene Dualisten gänzlich aus.

Eng hängt hiermit das Münsterbergsche Kriterium zusammen.  Münsterberg  behauptet, psychisch sei, was nur  einem  erfahrbar sei, materiell, was  mehreren  erfahrbar sei. Richtig ist hieran, daß wir durch die Tatsachen des Gegebenen gezwungen sind, oft den Empfindungen mehrerer oder vieler Personen  einen  Reiz zuzuordnen, z. R. die  eine  Sonne, die wir alle sehen. Hierdurch ist aber noch gar nichts über die Frage entschieden, ob dieser  eine  Reiz als ein absoluter Gegensatz zu dem Psychischen gedacht werden darf oder gar gedacht werden muß. Außerdem aber trifft das Kritertum nicht einmal überall zu. Das Gefühl der Angst, die Vorstellung der Pflicht,

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die Vorstellung π sind gewiß psychische Prozesse und doch sicher mehr als einem erfahrbar.

In der großen Verlegenheit, in der sich die Leib-Seele-Lehre bei diesem Versagen aller angeführten Merkmale befand, war es sehr begreiflich, daß ein gewissenhafter und gründlicher Denker wie  Brentano  seine Zuflucht zu einem  fünften  Merkmal, der sog.  Intentionalität  nahm und namentlich in psychologischen Kreisen viel Anhäng fand. Das Psychische ist nach  Brentano  gegenüber dem Materiellen dadurch charakterisiert, daß es sich im Sinn eines "Aktes" auf einen "Gegenstand" bezieht. Diese "intentionale Beziehung", die schon in der Scholastik eine gewisse Rolle gespielt hat, soll dem Materiellen nicht zukommen. Zunächst sind manche Beispiele der  Brentanoschen Auffassung anscheinend sehr günstig. Meine Vorstellung der Pflicht bezieht sich auf die Pflicht als ihren Gegenstand, meine Erinnerung an meine letzte Bergbesteigung hat eine Rückbeziehung auf das Erlebnis dieser Bergbesteigung, meine Traurigkeit über den Tod eines Freundes hat diesen Todesfall zum Gegenstand usf. Oft knüpft sich sogar eine Intention an die andere: ein Affekt bezieht sich auf ein Urteil, dies Urteil bezieht sich auf Vorstellungen, die Vorstellungen auf Empfindungen. Indessen schon bei den Empfindungen ergeben sich für die Durchführung der  Brentanoschen Ansicht große Schwierigkeiten, sodaß  Brentano  selbst die Empfindungen schließlich für  physische  Phaenomene erklärte; er wollte Ihnen den "Akt"charakter nicht zugestehen. Nun könnte man ja vielleicht der Empfindung die Beziehung - die "intentionale" Beziehung - auf den zugehörigen Reiz unterschieben, und ich will an dieser Stelle die mißlichen Konsequenzen einer solchen Unterschiebung nicht näher verfolgen; denn die Intentionslehre scheitert schon an einer anderen Tatsache: auch im Materiellen begegnen uns allenthalben, solche Beziehungen und Beziehungsketten. Die Sonne zieht die Erde an, die Erde die Metallkugel, die Metallkugel bei elektrischer Ladung das Hollundermarkkügelchen. Natürlich fällt es keinem Menschen ein zu behaupten, daß diese sog. physikalischen Beziehungen mit jenen psychischen Beziehungen identisch seien. Wir stellen nur auch bei diesem Merkmal fest, daß es in der angegebenen Form nicht ausreicht. Wir vermissen jede Angabe über die Eigentümlichkeit der  psychischen  intentionalen Beziehungen, und, solange uns solche Angaben fehlen, bleibt das Problem völlig ungelöst.

Aus dem Scheitern aller dieser jahrhundertelangen Unterscheidungsversuche ist meines Erachtens zu schließen, daß die übliche Unterscheidung zwischen Psychischem und Materiellem und daher auch zwischen Seele und Leib als zwei heterogenen Wirklichkeiten unklar und daher zu verwerfen ist. Es ist selbstverständlich, daß ihr etwas im Gegebenen zugrundeliegen muß, aber es kann sich nicht um zwei verschiedene "Substanzen" (im philosophischen Sinn) handeln. Aehnliches schwebte schließlich auch wohl  Kant  vor, wenn er gelegentlich vom Standpunkt seiner Ding-an-sich-Lehre sagt: "Das  transzendentale 0bjekt,  welches den äußeren Erscheinungen, imgleichen das, was der innern Anschauung zugrundeliegt, ist  weder Materie noch ein denkend Wesen an sich selbst, sondern ein uns unbekannter Grund der Erscheinungen ..."(1). Auch dem Schellingschen Identitätssystem, das freilich später auf die schwersten Abwege geraten ist, liegt wohl ein verwandter Gedanke zugrunde.

Damit ergibt sich aber die Notwendigkeit, dasjenige was allem Gegebenen zugrundeliegt, neutral zu denken. Die Grundbestandteile des Gegebenen (Reduktionsbestandteile oder Redukte meiner Erkenntnistheorie) liegen jenseits des unhaltbaren Gegensatzes von "materiell"


1) Kritik d. reinen Vernunft, Kehrbachsehe Ausg. S. 320. Der gesperrte Druck an zweiter Stelle stammt von mir.

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und "psychisch". Worauf beruht dann aber der von uns selbst zugegebene Unterschied im Gegebenen, den man fälschlich im Sinn eines solchen Gegensatzes gedeutet hat? Meine Antwort lautet: auf der zweifachen  Gesetzmäßigkeit, der diese Grundbestandteile unterworfen sind.  Einerseits  wirken sie nach den Naturgesetzen, d. h. nach den physikalisch-chemischen Gesetzen aufeinander: die Sonne schmilzt das Eis, die Sonne wirkt auf meine Netzhaut, und die Erregung der letzteren pflanzt sich nach denselben Naturgesetzen bis in die Sehsphäre meines Großhirns fort.  Anderseits  aber wirken die neutralen Grundbestandteile auch nach einer zweiten, wesentlich verschiedenen Gesetzmäßigkeit. Beispielsweise tritt vermöge dieser letzteren, entsprechend einer bestimmten Erregung der Sehsphäre, die Empfindungsqualität rot oder grün usf. auf. Die Sonne erscheint mir daher gelb, das Eis weiß, der Ton als cis, der Geschmack als süß. Die sog. spezifischen Sinnesenergien stellen nur den einfachsten Fall dieser "Parallelgesetzmäßigkeit" dar, tatsächlich erstreckt sich diese auf alles, was wir gewöhnlich als psychische Funktionen bezeichnen (1). Die nähere Ausführung würde an dieser Stelle viel zu weit führen. Es sei nur ausdrücklich hervorgehoben, daß sich für diese beiden Gesetzmäßigkeiten ein klares Unterscheidungsmerkmal ohne Schwierigkeit angeben läßt. Bei den Natur- oder Kausalgesetzen (chemisch-physikalischen Gesetzen) handelt es sich um Vorgänge, die auf bestimmten Wegen mit bestimmter Geschwindigkeit ablaufen; im Bereich der Parallelgesetze fehlt Weg und Geschwindigkeit. Die Sonnenstrahlen gelangen auf bestimmten Wegen und mit bestimmter Geschwindigkeit zur Netzhaut, und von den chemischen Prozessen auf der Sehbahn gilt dasselbe; dagegen ist mit der chemischen Erregung der Sehrinde die Empfindungsqualität "rot" unmittelbar gegeben: von den Rindenzellen der Sehsphäre führt kein "Weg"(2) zu der Empfindung rot, und daher ist auch von keiner Geschwindigkeit die Rede, mit der etwa die Empfindung rot auf die Sehsphärenerregung folgt. Der Hauptfehler des Materialismus besteht - abgesehen von der falschen Aufstellung des Gegensatzes "materiell" und "psychisch", die er mit allen dualistischen Systemen teilt - darin, daß er diese Grundverschiedenheit der beiden Gesetzmäßigkeiten völlig unterschlägt.

Daß sich mit dieser "binomistischen" Auffassung das Leib-Seele-Problem prinzipiell und völlig umgestaltet, leuchtet sofort ein. Wir haben es nicht mehr mit zwei Substanzen, sondern mit  einer  Substanz und zwei Gesetzen oder Gesetzmäßigkeiten dieser  einen  Substanz zu tun. Die Einheit des Gegebenen bleibt bei allen erkenntnistheoretischen und naturwissenschaftlichen Zerlegungen ("Reduktionen") gewahrt. Wenn ich als Arzt oder Naturforscher die Ganglienzellen der Hirnrinde untersuche, so berücksichtige ich nur ihre kausalen Wirkungen. Unter dem Mikroskop kommen gewissermaßen nur diese zum Wort. Aber die Ganglienzellen sind eben nicht bloß Ganglienzellen im physiologischen Sinn. Bei der sog. Selbstbeobachtung und ganz allgemein in unserem Erleben lerne ich ihre Parallelwirkungen kennen.

Man muß sich nur hüten, diese Auffassung mit der  Zweiseitentheorie  von  Spencer, Fechner, Paulsen  und vielen anderen zu verwechseln. Diese Forscher erkennen den falschen Gegensatz psychisch-materiell zuerst an, bekommen dann aber gewissermaßen Reue und versuchen nachträglich das Materielle und das Psychische wieder zu identifizieren, indem sie behaupten, das Psychische sei das von  innen  betrachtet, was das Materielle von  außen  betrachtet sei, oder, wie  Fechner  es geistreich ausdrückt, das Psychische entspreche der Konkavität, das Materielle der Konvexität


1) Vgl. meine Erkenntnistheorie, Jena 1913.

2) In diesem "Weg" kommt auch das, was an dem 1. und 2. oben angeführten Merkmal richtig ist, zu seinem Recht.

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einer und derselben Kreislinie. Ich habe mich schon seit vielen Jahren gegen diese Auffassung gewandt. Ein Vergleich - er mag auch noch so anschaulich und geistreich sein - hat in diesen höchsten erkenntnistheoretischen Fragen gar keinen Wert, wenn nicht außerdem bzw. vorher eine klare, rein begriffliche Darlegung ohne Vergleich gegeben worden ist. Diese fehlt in den Abhandlungen der Anhänger der Zweiseitentheorie gänzlich. Dazu kommt, daß sie noch einen "Betrachter" zu Hilfe nehmen, also ein Drittes außer, dem Psychischen und Materiellen, das ganz in der Luft schwebt oder vielmehr eigentlich in die psychische Reihe hineingehört. Demgegenüber gibt die von mir vertretene Lehre mit voller Klarheit an, was an Stelle dieses "innen" und "außen" zu treten hat, nämlich eine doppelte, scharf charakterisierte Gesetzmäßigkeit, und setzt damit einen wirklichen Monismus an Stelle des Scheinmonismus der Zweiseitentheorie. Man werfe auch nicht etwa ein, daß damit der Dualismus nur in die Gesetze verschoben sei. Es ist selbstverständlich, daß bei der erkenntnistheoretischen Analyse und Deutung der mannigfaltigent Welt des Gegebenen irgendwo einmal diese Mannigfaltigkeit zu ihrem Recht kommen und daher die Einheit aufgehoben werden muß. Jedes philosophische System muß, eine solche Spaltung an irgedeiner Stelle hinnehmen und anerkennen. Man kann nur verlangen, daß die  letzten Träger  dieser Mannigfaltigkeit nicht in zwei völlig heterogene Gruppen zerfallen, und  diesem  berechtigten monistischen Verlangen genügt weder der psychophysische Dualismus - er mag materialistisch oder spiritualistisch oder parallelistisch auftreten -, noch die Zweiseitentheorie, wohl aber der binomistische Weltbegriff.

Von dem jetzt gewonnenen Standpunkt erweist sich nun auch der sog. Idealismus im alten Sinn des Worts als unrichtig. Diese Lehre behauptet, daß nur Psychisches und Seelen (Berkeleys "spirits") als Träger des Psychischen existieren. Auch unter dem Namen des Psychomonismus ist sie neuerdings oft aufgetreten. Sie scheitert darann, daß das Wort "psychisch", sobald der Gegensatz "materiell-psychisch" aufgegeben wird, jede angebbare Bedeutung verliert, wenn es für eine besondere  Art des Wirklichen  gebraucht wird. Wir haben etwa folgendes zu sagen:  Alles Gegebene  deckt sich mit dem, was wir gewöhnlich als psychische Erlebnisse bezeichnen. Durch die erkenntnistheoretische  Zerlegung  jedes einzelnen Gegebenen (nicht etwa durch eine  Einteilung  alles Gegebenen) gelangen wir zu Grundbestandteilen, die untereinander in jenen doppelten gesetzmäßigen Beziehungen stehen. Soweit sie nicht nur den Kausalgesetzen, sondern auch den Parallelgesetzen gehorchen, nehmen sie den Charakter psychischer Erlebnisse an. In meinem Empfindungserlebnis der gelblichen Sonnenscheibe sind, einerseits enthalten die Grundbestandteile in ihren  kausalen  Beziehungen, wie sie die Physik und die Physiologie mehr und mehr durch ihre Forschungen aufdecken, also die physikalisch-chemische Zusammensetzung des Sonnenballs, die von ihm ausgesendeten Lichtwellen, die physiologischen Erregungen meiner Sehrinde, und anderseits dieselben Grundbestandteile in ihren parallelgesetzlichen Beziehungen, vermöge deren ich die Sonne in gelblicher Farbe, in bestimmter scheinbarer Größe usf. sehe. Was wir Menschen  erleben, sind die Grundbestandteile, überlagert von den Parallelkomponenten. Daß zu den letzteren auch alles gehört, was wir Gefühle (mit dem objektiven Korrelat der "Werte") nennen, ist ohne weitere Auseinandersetzung klar.

Eine bedeutsame Erweiterung erfährt unsere Auffassung schließlich noch dadurch, daß wir mit vielen großen Philosophen (z. B. Spinoza, Fechner, Paulsen) Parallprozesse - in der üblichen Terminologie "Beseelung" -  allem  Gegebenen zuschreiben. Erst mit diesem Schritt zum Hylopsychismus wird die Einheitlichkeit des Weltbildes vollständig.

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Das Leib-Seele-Problem selbst stellt sich uns jetzt ganz anders dar. Wenn nicht zwei heterogene Substanzen existieren, so ist klar, daß Materialismus wie Spiritualismus, Kausalimus (Wechselwirkung zwischen Psychischem und Materiellen) wie Parallelismus von einer falschen Fragestellung ausgehen. An der von der Hirnphysiologie und Hirnpathologie einwandfrei festgestellten durchgängigen Beziehung zwischen Großhirnrinde(1) und psychischen Vorgangen halten wir mit der größten Entschiedenheit fest, aber wir glauben nicht mehr, daß die Empfindungen und Gedanken in irgendeiner geheimnisvollen Weise in den Rindenzellen stecken oder neben oder über ihnen schweben oder gar nach Analogie der Galle von diesen Zellen abgesondert werden, sondern wir behaupten, daß diese Zellen oder vielmehr ihre Redukte (siehe oben) in dem angegebenen doppelten gesetzmäßigen Wirkungsverhältnis zur übrigen Welt und untereinander stehen.

Man hat früher das Verhältnis des Psychischen zum Materiellen oft durch einen Uhrenvergleich erläutert(2). Nach der kausalistischen Anschauung würde z. B. die materielle Uhr mit der psychischen durch ein Räder- oder Hebelwerk verbunden sein und auf diesem Weg sich die Wirkung der Seele auf den Körper und des Körpers auf die Seele erklären; nach der parallelistischen wäre das Parallellaufen der beiden Uhren als eine Tatsache hinzunehmen, die höchstens noch durch Annahme, einer göttlichen Festsetzung ("Prästabilierung") etwas ausgeschmückt werden kann; nach meiner Auffassung, existiert nur  eine  Uhr und daher auch nur  ein  Zifferblatt, aber das Räderwerk der Uhr führt nach zwei verschiedenen Gesetzen seine Bewegungen aus, und das Zifferblatt, das unseren bewußten Erlebnissen entspricht, gibt den Gesamteffekt der beiden Bewegungen wieder.


1) Offen bleibt, wie weit auch infrakortikale Hirngebiete beteiligt sind.

2) Prinzipiell erscheint mir der Vergleich übrigens insofern gar nicht besonders treffend, als die vorausgesetzte absolute Heterogenität der beiden Substanzen in ihm nicht zum Ausdruck kommt.

© 2006 August Herbst
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